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Die Jungfrauenfrage – hast du niemals, einmal, viele Male?

Jungfrau bleiben? Oh, er liebt mich ein wenig … zu sehr
Kaum jemand in unserem Kulturkreis stellt die Frage heute noch. Oder sollte man sagen „die Fragen“? „Bist du noch Jungfrau?“ „Wie viele Männer (Frauen) hattest du schon?“ Oder, besonders infam: „Welche Art Jungfrau bist du noch?

Du bist Jungfrau, wenn … ja wenn eigentlich?

Kreisen wir mal um den Begriff wie eine Biene um die Blüte. Für unsere Vorfahren und für die Menschen zu Moses Zeiten war eine Jungfrau eine Tochter, die wohlbehütet aufwuchs und niemals Geschlechtsverkehr hatte – erkennbare am „intakten“ Jungfernhäutchen. Im 20. Jahrhundert setzte sich durch, von einer Jungfrau zu sprechen, wenn sie noch keinen penetrativen Geschlechtsverkehr hatte. Das bedeutete: Sie konnte durchaus schon sexuelle Genüsse (Masturbation, Fingern durch andere, anal, oral) gehabt haben, aber eben noch kein „PiV“, wie es im englischen Sprachraum jetzt unter jungen Leuten heißt.

Wie viele Männer sind „zu viele“ Männer?

Nachdem dies nun für Frauen geklärt ist (auf Jungs kommen wir später) ist die Frage: Wie lautet(e) denn nun das Urteil, wenn eine Frau ihre „Jungfernschaft“ verlor? Und wie wird sie beurteilt, wenn sie mehr als 2, 4, 8, 16 oder 32 „echte“ unterschiedliche Lover hatte?

Töchter als Handelsgut und der Preis, sie loszuwerden

Anzeigen dieser Art waren üblich, wenn die Tochter "überfällig" war
Nichts in der Beurteilung von Frauen hat sich in den letzten Jahrtausenden, ja sogar noch Jahrhunderten und Jahrzehnten so gewandelt wie die Beurteilung „des Verlusts der Jungfernschaft“. Dazu muss man wissen, dass die Töchter zu Moses Zeiten noch eine Art „Handelsgut“ waren. Und das sich nur die Jungfrau versilbern ließ, wurde sogar in die Religionsvorschriften aufgenommen, dass sie Jungfrau zu sein habe – und was geschehen würde, wenn sie als solche deklariert wurde, dies aber einer Prüfung nicht standhielt. (Das könnt ihr in Mose 5.22 alles nachlesen, falls euch so etwas Spaß macht). Aus nicht-religiöser Sicht kann man sagen, dass es sich dabei nur teilweise um Religion und Moral, andernteils aber auch um die Sicherung der wirtschaftlichen Belange des Vaters handelte.

Der Deal – der Vater gibt Geld, der Bräutigam lacht

In der Blütezeit des Bürgertums wurde die Jungfräulichkeit ähnlich hochgehalten. Diesmal aus dem entgegengesetzten Grund: Der Vater war gehalten, seine für ihn wirtschaftlich uninteressante Tochter „an den Mann zu bringen“ und musste dafür einen nicht unerheblichen Geldbetrag aussetzen. Wieder waren es wirtschaftliche Gründe, die ihn dazu zwangen, denn dem zukünftigen Ehemann sollte nicht zugemutet werden, für den Unterhalt zu sorgen. Das klappte allerdings nur, wenn die Braut Jungfrau war – oder wenigstens glaubhaft vorgeben konnte, dies zu sein.

Das Bürgertum macht aus dem Deal eine Moralfrage

Die Forderung, als „Jungfrau in die Ehe“ zu gehen, wurde in der Bevölkerung aber weiter „im Kopf“ geführt, nachdem das Bürgertum in den Grundfesten zerstört war und die „Mitgift“ in Geld durch die Inflation fragwürdig geworden war. Die damaligen CDU-Regierungen und der „harte Kern“ des Bürgertums beharrten auf die alten Regeln, und das „Mädchen aus gutem Hause“ hatte Jungfrau zu bleiben, bis sie heiratete (oder sich wenigstens verlobte).

Demaskierung des Jungfrauen-Mythos

Besser nicht zu "jungfräulich" bleiben - Leidenschaft schadet nicht
Als die Zeitschrift „TWEN“ 1962 die Frage stellte, ob Töchter als „Jungfrau in die Ehe“ gehen sollten und dies in Zweifel stelle, war die Empörung noch enorm – doch schon zehn Jahre später wurde das Thema kaum noch diskutiert. Das lag vor allem daran, dass die Töchter der bürgerlichen Eliten ihren Eltern nach 1970 sowohl kulturell wie auch wirtschaftlich entflohen. Wo es keinen Druck mehr gab, die „Jungfräulichkeit“ zu behalten, da ergab sich auch keine Moral. Auch Versuche, der konservativen „Jungfrauenbewegung“ (Purity) in den USA schlugen - bei aller stattlichen geförderten Publicity – komplett fehl. Slogans waren damals „True Love Waits“ auf deutsch „Wahre Liebe wartet“.

Wie die Presse das Thema „Jungfrauen“ wieder aufwärmt

In den letzten Jahrzehnten ist die Frage der „Jungfräulichkeit“ in der Presse künstlich aufbauscht worden, weil es angeblich immer mehr Frauen gibt, die mit 25 „noch Jungfrau“ sind. Das Thema stellt sich heute jedoch anders dar als vor 50 Jahren, denn heute haben „Jungfrauen“ vielleicht keinen Penis in der Vagina erlebt, aber sehr wahrscheinlich einen Finger oder einen Vibrator an der Klitoris. Wozu man sagen könnte: Irgendwie ist „Jungfrau“ auch nicht mehr das, was es mal war.

Mehr lesen?

Im zweiten Teil lest ihr, wie viele Männer eine Frau gehabt haben sollte, bevor sie „ihren Mann“ trifft, und warum die Zahlenspiele eigentlich blödsinnig sind. Im dritten Teil sehen wird die Sache mal aus der Sicht der „Jungs“. Ist doch komisch, dass sie eigentlich immer wissen, wie „es geht“ und trotzdem behaupten, sie wären nie im Bordell gewesen. Wir gehen auch der Frage nach, ob es wirklich so viele 25-jährige Jungmänner oder „physische“ Jungfrauen unter Männern gibt, wie gelegentlich behauptet wird.

Bild: Oben La Vie Parisienne, 1914.
Unten: Comic nach einer Filmsequenz

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"Männer und Frauen als dauerhafte Jungfrauen" ist der vierte Teil unserer Serie über Jungfrauen. Wenn ihr nicht selber eine Person in der Familie habt, die sich als „Jungfrau“ bezeichnet und darunter leidet, dann habt ihr das Thema wahrscheinlich aus

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