Skip to content

Wer hat dich gefügig gemacht?

Wer hat dich "gefügig gemacht", dich zum "Perversen" erzogen oder deine sexuelle Persönlichkeit tiefgreifend verändert? Und wie konnte das geschehen? Wir betrachten das Thema ausschließlich aus der Sicht erotischer Romane. Und wir reden von Männern, besser gesagt von Jünglingen.

Zu den Fehlern der Psychotherapie gehört, nach „der einen“ Ursache dafür zu suchen, dass jemand anders wurde als „man“ (oder er selbst) sich das weitere Leben vorstellte.

Die Rechtfertigung durch die Wissenschaft im erotischen Roman

Duck dich! Ein versohlter Hintern wird dir gut tun!
In erotischen Romanen finden wir häufig eine Art „wissenschaftliche Begründung“ für die Lust an „perversen“ Handlungen. Nein, Mr. Grey hat nicht einfach Lust daran, Frauen zu schlagen. Er wird auch nicht einfach geil davon, aus einer Frau ein Püppchen zu machen. Nein, nein … er hatte da mal eine Domina … so eine Art „Ms. Robinson“ mit Aua-aua, die ihn „windelweich geschlagen hätte“, wenn er ein gewöhnliches College-Mädchen getroffen hätte. Diese Frau hatte einen „eigenartigen Geschmack“ und versklavte den Jungen offenbar im Alter zwischen 15 und 21 Jahren. Und wir hören noch, dass sie „alt genug war, um es besser zu wissen.“

Märchen für Erwachsene: Von der Lederfrau geschlagen und dann sinnlich verführt

Beliebtes Motiv: Bestrafung eines jungen Mannes
Und Burt der Antiheld von Gigi Martin? Auch bei Frau Martin finden wir eine ausführliche Begründung, warum er „solche Neigungen“ entwickelte: Er bekam im zarten Alter von 13 Jahren eine Erzieherin, die „fast ausschließlich Lederkleidung“ trug. Um das Klischee vollends abzurunden, gibt ihr die Erzählerin eine Freundin bei, die „selbst tagsüber einen sehr durchsichtigen Morgenmantel, schwarze Spitzenwäsche und hochhackige Pumps trug. Diese Frau wird dann auch zur eigentlichen Verführerin, nachdem die Lederdame dem Jungen ausführlich den Hintern verbläut hatte. Auf diese Weise erklärt die Autorin nun dem verblüfften Publikum: Bestrafung und erlittene Schmerzen waren von diesem Augenblick an für Burt unzertrennbar mit erotischem Genuss verbunden.“ Und man staune: Frau Martin widmet dieser Verführung ein ganzes Kapitel.

Küsse und Schläge im Doppelpack und im Mix

Die Idee ist indessen immer die gleiche: Ein junger Mann ohne jegliche Erfahrung wird von einer reifen Dame nicht nur verführt, sondern sozusagen als „Double Bind“ mit „Küssen und Schlägen“ bedacht, wobei es offenbar nicht reicht, beides nacheinander zu applizieren. Vielmehr muss noch eine deutlichere Prägung her, die den jungen Mann auf immer und ewig verdirbt. Das Vorbild für all diese Varianten mag man im Roman „Gynäkokratie“ suchen. Doch es gibt auch eine andere Erklärung: Männer sind während der Pubertät leicht zu beeinflussen, und sie wünschen sich oftmals tatsächlich den Kontakt zu älteren, erfahrenen Frauen. Wenn diese nun skrupellos genug sind, können sie den Mann in jede beliebige Richtung beeinflussen – also auch zu Verhaltensänderungen oder geschlechtlichen Verwirrungen. Das klingt sogar plausibel, denn manche Jungen sind tatsächlich anfällig für „Doppelbindungen“ an Frauen. Um die Sache wirklich noch in ein psychologisches Schema zu zwängen, wäre dann nur noch nötig, frühkindliche Erfahrungen mit Schlägen und liebevoller Zuwendung im Wechsel einzufügen.

Eher erotische Märchen als Realitäten

Ob es auch realistisch ist, spielt im Roman kaum eine Rolle: wir befinden uns im Bereich der erotischen Märchen, und je mehr wissenschaftliche Pseudo-Fakten verwendet werden, umso ehrlicher wirkt die Autorin. Dabei ist auffällig, wie bildhaft es gerade Frauen benutzen, und es wäre interessant, welche Quellen sie dazu verwenden.

Betrachten wir die vielen Romane, die in der Art der „Gynäkokratie“ verfasst wurden, so treffen wir immer wieder junge Männer an, die in völliger Abhängigkeit von ihrer Erzieherin (Gouvernante) leben. Sie gewährt einzelne Lüste, verbindet diese aber andererseits mit drastischen Strafen. Dieser Fall wird auch bei Gigi Martin angenommen, so skurril die Abhängigkeit auch sein mag, während bei E. L James nicht klar wird, warum eine Fremde die Macht über den ansonsten behütet aufgezogenen Jungen übernehmen konnte.

Abhängigkeit funktioniert nicht nur durch "Liebkosungen und Schläge"

Wer derartige Romane realistischer und aktueller schreiben will, sollte eher auf die Faszination und das sorgsame gehütete Geheimnis der beiden Figuren achten. Und wer sich für Psychologie interessiert, sollte nicht auf Küchenpsychologie hereinfallen, also nicht darum, dass Schläge auf den Po plus Pubertät plus Zuneigung zu der Frau, die schlägt, zwangsläufig zur „Perversion“ führt. Auch viele kleine, sinnliche Gunstbeweise können dazu führen, immer mehr in Abhängigkeit zu geraten. Das Schema ist dann oftmals gleich: Die Frau gewährt eine „kleine Gunst“, die den Jüngling begeistert. Will er diese Gunst erneut erwerben, oder wünscht er sich gar mehr, so werden die Hürden höher gesetzt: Er muss dafür etwas tun oder erdulden, was ihm im Grunde missfällt. Mit der Zeit wird der Preis immer höher – solange bis der Jüngling abhängig wird oder abspringt.

Die Option "Schläge" bietet viel - wir aber meist sehr oberflächlich genutzt

Die „Schläge“, die oftmals benutzt werden, weil sie sehr bildhaft und zugleich schmerzhaft die Macht der dominanten Frau zeigen, sind im Grunde nur ein sensationelles Beiwerk. Allerdings kann gerade die Lust am Schmerz sehr lange und intensiv beschrieben werden, sobald man sich als Autor(in) in die Tiefen der Psyche traut. Und wir können nahezu überall nachlesen, wie wenig dies der Fall ist.

Wer es wagen sollte, wirklich tiefer zu gehen, sollte es tun - und uns sagen, wo er (sie) es veröffentlicht hat.
Bild oben: "Die Gouvernante", aus Frankreich, unbekanntes Copyright. Bild unten: "Der nachlässige Zögling", um 1900, anonym. Textauszüge: "Die Herrin", Berlin 1988, "Shades of Grey", München 2012

Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.
Um einen Kommentar hinterlassen zu können, erhalten Sie nach dem Kommentieren eine E-Mail mit Aktivierungslink an ihre angegebene Adresse.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Formular-Optionen