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Das zwiespältige Verhältnis des Bürgers zur Prostitution

Das Klischee - steht eine Hur' unter der Laterne ...
Um zu verstehen, was der Bürger unter Prostitution versteht, empfiehlt sich, in die bürgerliche Epoche zurückzukehren und die Lexika der damaligen Zeit zu befragen. Typisch ist für diese Zeit, dass die Ausübenden nahezu ausschließlich als „Frauenzimmer“ oder „Weibliche Personen“ bezeichnet wurden. Ihre Tätigkeit wird dabei zumeist als „Unzucht“, „gewerbliche Unzucht“, manchmal auch als „Hingabe“ oder „Preisgabe des Körpers“ bezeichnet. Das Ziel der Prostitution wird oftmals nicht erwähnt, doch weiß der historische Brockhaus(1) , dass es „die Befriedigung geschlechtlicher Triebe“ ist. Das Wort „gewerbsmäßig“ wird in manchen Texten durch „notorisch“ ersetzt, und manchmal wird darauf hingewiesen, dass es sich um das Anbieten „von Geschlechtsverkehr an jedermann“ handelt. Meyers Lexikon von 1892 (1) schreibt nicht „gewerbsmäßig“, sondern ersetzt diesen Begriff durch die Formulierung „mehr oder weniger offen als Gewerbe“.

Die gewerbsmäßige, körperliche Preisgabe - die alte Zeit

Ähnliche Formulierungen existieren bis heute, etwa hier (2):

Das gewerbsmäßige Anbieten an jedermann zum Geschlechtsverkehr gegen Entgelt


oder (3)

Die gewerbsmäßige Hingabe des Körpers zu geschlechtlichen Zwecken.


Diesen Formulierungen können wir entnehmen, wie die Schreiber über Prostitution dachten (und bis heute denken):

WAS ist Prostitution?

Ein Gewerbe, in dem der eigene Körper vermarktet wird.

WIE funktioniert Prostitution?

Durch die bezahlte Preisgabe des Körpers oder die Hingabe an den Kunden.

Welchen Nutzen finden wir darin?

Die geschlechtlichen Triebe des Kunden werden befriedigt.
Bordellszene aus dem 19.Jahrhundert, als Postkarten verkauft
Die Formulierungen treffen nicht mehr zu – die neue Zeit

Wem das als Definition genügt, der mag zufrieden sein. Dennoch gibt es modernere Formulierungen, die einen eher sachlichen und beschreibenden Charakter haben(4):

Prostitution ist … die Bezeichnung für die Veräußerung sexueller Dienstleistungen. Diese bestehen aus definierten, taxierten und zeitlich eingeschränkten körperlichen Handlungen (z.B. Handmassage, Koitus, Oralverkehr) zur sexuellen Stimulierung des Kunden.


Die Dienstleistung als neues Selbstverständnis

In der neuen Formulierung wird der Begriff der „sexuellen Dienstleistung“ eingeführt. Dabei gehen die Autoren davon aus, dass die zu erbringende Leistung nicht notwendigerweise im Koitus liegt, sondern in jeder beliebigen sinnlichen, erotischen oder sexuellen Dienstleistung bestehen kann. Sie ist genau definiert (also im Voraus beschreibbar), ihre Wirkung ist einschätzbar und sie ist zeitlich eingeschränkt.

Interessant ist, dass bei dieser Formulierung weder auf „notorisch“ (gewohnheitsmäßig, ständig) noch auf „gewerbsmäßig“ (als feststehender Begriff für eine einschlägige Berufstätigkeit) bestanden wird. Was bleibt ist lediglich der Begriff der „Dienstleistung“.

Wer ist nun eine Prostituierte?

Keine Frau wird sich gerne als „Prostituierte“ bezeichnen lassen, und aus diesem Grund wurde der Begriff auf jene Frauen abgewälzt, die sich gegen geringe Geldbeträge an jedermann fallweise hingeben.

Diese Möglichkeit erlaubt allen anderen Frauen, die in irgendeiner Form von sinnlichen, erotischen oder sexuellen körperbezogenen Dienstleistungen leben, sich abzugrenzen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass der Begriff „Dienstleistung“ im Zusammenhang mit Prostitution umstritten ist.

Die „bessere Prostitution“ erhält klangvolle Namen

Auf diese Weise werden erotische Massagen, sexuelle Genesungen durch Stimulation, Berührungen mit (pseudo-) spirituellem Hintergrund, Rollenspiele und ähnliche Handlungen ausgegrenzt, was insbesondere in Ländern interessant ist, die Prostitution verbieten.

Sogar Escort-Frauen können sich darauf berufen, keine Prostituierten zu sein, weil sie nicht ihren Körper, sondern ihre Gesellschaft anbieten. Die „Preisgabe“ an den Mann ist in der offiziellen Sprachregelung „optional“.

Dating als neue Form der Hingabe

Diese Definition ist aber auch interessant für Frauen, die besondere Formen von „Dating“ betreiben. Besonders in den USA, aber auch in andren Ländern sind „Dates gegen Bezahlung“ eine Alternative, um dem Prostitutionsvorwurf zu entgehen. Und auf manchen Portalen können Frauen sogar Festzahlungen vereinbaren, um beispielsweise für einen Monat oder eine Reise als Geliebte zu fungieren.

Schlussüberlegungen – Ausgrenzung der „gewöhnlichen Hure“

Das Hauptproblem mit der gesellschaftlichen Ächtung der Prostitution besteht darin, dass bestimmte Prostituierte gebrandmarkt werden, während andere Formen der „körperlichen Preisgabe gegen Geld“ lächelnd hingenommen werden. Dazu passt die moderne Aussage, dass es keine „fließenden Grenzen“ zwischen Prostituierten und Nicht-Prostituierten („Soliden“) gibt. Das Problem war bereits 1905 bekannt. Damals wurde der Text in „Meyers Konversations-Lexikon“ so angepasst (5):

Prostitution ist die von einem Weib öffentlich gewerbsmäßig betriebene Preisgebung des eignen Körpers gegen Entgelt an jeden Beliebigen. Zwischen dieser Form des geschlechtlichen Verkehrs und dem in einer aus Liebe geschlossenen Ehe liegen sehr viele andre, die je nach dem Standpunkte des Beurteilenden auch zur Prostitution gerechnet werden oder nicht. Jedenfalls hat man zu unterscheiden zwischen der öffentlichen Prostitution und einer geheimen, die sich unter irgend einem Deckmantel verbirgt.


Die Definition von 1905 dürfte der Realität der damaligen Zeit sehr nahe kommen, ist aber mit der heutigen Zeit nicht vergleichbar. Dennoch gibt es eine Parallele: Luxusbedürfnisse ließen sich mit dem damaligen „Nadelgeld“ oder den verfügbaren Teilen der Mitgift nicht erfüllen – so wenig, wie sie sich heute vom Lohn einer Verkäuferin oder Friseurin erfüllen lassen.

Sich nicht prostituieren und dennoch Geld annehmen?

Aus diesem Grund – und vielen anderen, über die nur spekuliert werden kann – existiert immer noch eine gewisse „Wohlstandsprostitution“. Sie zeigt sich in bezahlten Verabredungen (Paid Dates), einer bezahlten Freundin („Sugar Baby“) einem Arrangement mit sexuellen Komponenten (Rollenspiele) oder der Geliebten auf Zeit (zum Beispiel als Urlaubsbegleitung).

Und niemand in der langen Reihe von Frauen, die dies anbieten und Männern, die dies in Anspruch nehmen, wird von Prostitution reden.

(1) Zitate (auszugsweise aus Brockhaus und Meyers vor der Jahrhundertwende 1899/1900:

Prostitution (lat.) oder Preisgebung, die gewerbmäßig betriebene Hingabe weiblicher Personen zur Befriedigung geschlechtlicher Triebe. (Brockhaus, 1896.)
Prostitution (lat.), "Preisgebung", besonders Selbstpreisgebung eines Frauenzimmers zur Unzucht, wenn dieselbe mehr oder minder offen als Gewerbe betrieben wird.Meyers, 1892)
(2) Aus "Wissen.de
(3) Nach dem "Zielwörterbuch europäischer Rechtsgeschichte"
(4) Psychologisches Lexikon,, aus "Spektrum".
(5) Quelle Meyers von 1905.

Bild Oben: Nach einem Pulp-Magazin.
Bild Mitte: nach einer historischen Postkarte

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