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Ist Sex ein Menschenrecht?

Ich war überrascht, als ich von einem Mediziner zum ersten Mal den Satz hörte: „Sehen Sie, Sex ist ein Menschenrecht.“ Der Satz kam mir in Erinnerung, als ich kürzlich einen Bericht über Frauen las, die an Krebs erkrankt waren. Mit dem „waren“ ist es ja immer so: Du kannst am Ende geheilt sein, als geheilt gelten oder eigentlich noch krank sein. Und völlig unabhängig davon kannst du dies sagen: Wenn die Datenströme zwischen Lustorganen und Gehirn nicht mehr einwandfrei funktionieren, dann ist alles ein bisschen aus der Bahn geraten: Die Sexualorgane und das Hirn gehen sozusagen getrennte Wege.

Da klingt gut, was manche Ärzte fordern (Zitat):

Wer im Intimbereich schwer erkrankt, macht sich Sorgen um sein sexuelles Empfinden. Diese Sorgen müssen ernster genommen werden, sagen Therapeuten und Berater: Sie fordern ein offenes Gespräch über das Anrecht auf sexuelles Wohlbefinden.


Das ist alles recht hübsch: Hier sitzt der Gynäkologe, Onkologe oder Urologe, und dort der Mensch, der gerade operiert wurde. Und dann sprechen beide über sexuelles Wohlbefinden. Das ist sicher besser als nichts, denn die Patienten sind unsicher darüber, wie sie nun möglichst glücklich weiterleben können.

Schön, gut und richtig, und doch hat die Sache zwei Haken.

Ein Haken: niemand weiß, was du wirklich (noch) fühlst

Der Erste liegt darin, dass der Arzt sich nicht wirklich in die Lage eines Menschen hineinversetzen kann, dessen sexuelle Verdrahtung gekappt wurde. Das ist oftmals der Fall, und in der Tat machen sich viele Menschen darüber Gedanken. Zitat:

Wie riskant sind Operationen im Beckenboden etwa, einem Bereich, wo unzählige verletzliche Muskelfasern und Nervenbahnen verlaufen, die mit den Sexualorganen zusammenhängen oder für das Lustempfinden wichtig sind. Sie beschäftigt der Gedanke, ob ihr Körpergefühl wieder dasselbe sein wird wie vor der Therapie.

Die Sache ist so: Sexualität benötigt das Gehirn als Schaltstelle, selbst, wenn manche Menschen glauben, „vögeln sei hirnlos“. Das führt zu schrecklichen Verfälschungen, etwa solche wie „Orgasmen werden allein durch die Klitoris ausgelöst.“ Tatsächlich sitzt der „Steuermann“ immer am Schaltpult im Gehirn – und mithilfe der körpereigenen Botenstoffe steuert er den Hergang. Dazu braucht er einen Datenweg hin und einen zurück, was man sich etwa so vorstellen muss: Von Klitoris oder Penis kommen Reize, auf die reagiert werden soll. Das Gehirn stellt nun die Drogen zur Verfügung, die einen Penis steif werden lassen und eine Vagina schlüpfrig, und diese Informationen werden wieder zum Gehirn zurückgemeldet.

Ist nun der Datenkanal verstopft oder gerissen, dann werden die Impulse nicht weitergeleitet. Heißt konkret: Die Stimulation von Klitoris oder Penis führt zu keinem konkreten Ergebnis, und das Gehirn kann daran nichts mehr ändern.

Der zweite Haken: Sex muss geschenkt werden - du kannst ihn nicht erstreiten

Nehmen wir an, das alles sei nicht ganz so dramatisch. Dann bleibt immer noch die Tatsache, dass sich Sex nicht vor Gericht erstreiten lässt. Wir alle sind darauf angewiesen, Sex geschenkt zu bekommen – nur dann erfüllen wir die Standards der Gesellschaft. Nun aber werden komplizierte Prozesse nötig, etwa besondere Stimulationen, Pumpen oder Implantate, die allesamt den gleichen Haken haben: Sie wirken nicht spontan, und sie geben nicht wirklich die zuvor bekannten Lustgefühle. Zwar können Frauen und Männer auch damit noch Orgasmen haben, aber sie sind schwerer zu erreichen und von schlechterer Qualität. Vor allem der Mann kann die Ejakulation und den Orgasmus nicht, wie gewohnt, in unmittelbarer Folge bekommen – denn die Ejakulation wurde durch eine Totaloperation der Prostata in jedem Fall unmöglich.

Die Frage, ob Sex bei stark geschädigten, unverheirateten Frauen und Männern auch als Dienstleitung erbracht werden könnte, ist hochgradig umstritten. Einerseits ist es in manchen Fällen möglich und auch erwünscht, doch andererseits gilt der Prostitutionsvorbehalt auch dann, wenn er nicht ausgesprochen wird. Heißt konkret: „Sexarbeit ist dreckige Arbeit, und niemand sollte sie machen.“

Sex als Dienstleistung?

Dieses Thema wurde kürzlich stark strapaziert. Wenn Sex als Dienstleistung erbracht wird, ist das nicht gerade ein romantisches Manifest und vielleicht nicht einmal „politisch korrekt“. Doch ist die Vorstellung, Sex sei immer mit Liebe und zweckfreier Hingabe verbunden, kann ebenso als Illusion bezeichnet werden.

Das Menschenrecht steht auf tönernen Füßen

Und das Menschenrecht? Wie kann Sex als „Menschenrecht“ bezeichnet werden, wenn man darum betteln muss?

Irgendwie stimmt etwas nicht mit der Aussage „Sex ist ein Menschenrecht.“ Rechte sind einklagbar. Sex ist es nicht. Und was die Lust für Singles nach der Krebsdiagnose betrifft: Viele Frauen und Männer würden ablehnen, sich einen Partner mit einem Karzinom anzulachen. Und das macht die Sache nicht eben leichter und verhindert noch stärker, dass Sex wirklich zum Menschenrecht wird.

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