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Da wird mir etwas vorenthalten … Sexualität ist immer noch ein Tabu

Sich schämen, sexuell zu sein?
Die Sexualtherapeutin Sandra Gathmann sagte in einem Gespräch mit der „Wiener Zeitung“, sie habe schon früh „den Eindruck (… bekommen …), dass alles, was mit Sexualität zu tun hat, ...(ihr) ... ein Stück weit vorenthalten wurde.

Die Frage ist natürlich: Welcher Frau oder welchem Mann wurde nicht bedeutet, dass alles, was mit dem Sex zu tun hat, „eigentlich“ kein Gesprächsthema ist?

Frau Gathmann erwähnt, das alles, was man „früher“ (sie ist selbst noch recht jung) an Informationen über die Sexualität bekommen konnte, „Warnhinweise und Verklärungen“ waren.

Informationen ja - Gespräche nein?

Wahrscheinlich werden Sie jetzt sagen: „Ja aber heute ist das Internet doch voll von Sex, Erotik und Pornografie, und es gibt Dutzende von Frauen- und Mädchenforen, auf denen „man“ sich informieren kann.

Das mag so sein – aber dennoch gilt es nach wie vor als sehr bedenklich, wenn sich junge Frauen und Männer sehr intensiv mit der Sexualität beschäftigen. Noch bedenklicher erscheint es manchen Zeitgenossen, wenn sie Körper, Geist und Psyche auch sexuell erproben oder gar herausfordern wollen.

Niemals über Sexualität sprechen?

Warum darf das alles nicht sein? Warum schämen wir uns dessen? Ich kenne die Gesichter der Frauen, die ich persönlich gebeten habe, einmal über spezifisch weibliche Lüste zu schreiben … einfach so … flott aus dem Bauch in den PC, anonym, selbstverständlich. Die Empörung stand ihnen im Gesicht geschrieben – und sie löste sich teilweise nicht einmal mehr.

Im Interview mit Frau Gathmann ist eine sehr interessante Abwandlung von Paul Watzlawicks Kernaussage enthalten: „Man kann nicht NICHT kommunizieren“. Hier das Zitat:

Man kann nicht nicht über Sexualität kommunizieren, aber man kann nicht über Sexualität sprechen.


Heißt: Wir kommunizieren ständig (nonverbal) untereinander über unsere Attraktivität, unsere Erotik, unsere Sexualität … aber wir schaffen es nicht, darüber zu sprechen – ja nicht einmal, darüber zu schreiben.

Und während dies alles so ist, versuchen Frauen und Männer, strengere Regeln dafür aufzustellen, was in der Kommunikation zwischen den Geschlechtern überhaupt (noch) gestattet sein soll. Was für eine geistige Perversion!

Sind manche Wissenschaftler zu blöd, um Kommunikation zu verstehen?

Ich will Sie auf einen kleinen Nebeneffekt aufmerksam machen: Wenn wir weiterhin „nicht NICHT“ kommunizieren können, was nachhaltig bewiesen wurde, dann werden wir weiterhin über Sexualität kommunizieren, aber uns noch weniger darüber austauschen, um nicht als „sexistisch“ abgestraft zu werden. Und vielleicht sollte ich noch einen provokativen Satz anfügen:

Wer zu ungebildet ist, die Regeln der Kommunikation zu kennen, sollte sich nicht selbst ermächtigen, Sprachregelungen in die Welt zu setzen.

Der Satz geht an Feministinnen, Genderforscherinnen und alle anderen, die uns „Neusprech“ (aka „soziale Korrektheit“) verordnet haben.

Bild: Signatur von Lèbegue oder ähnlich, Illustration, historisch

Das herrlich schöne Pfui-Teufel-Gefühl

Die Vorstellung, an etwas zu lutschen ...
Möchte ich sein Hündchen sein? Und würde ich dann Hundefutter zu mir nehmen? Und wenn ich seine Sklavin wäre, würde ich dann darum betteln, dass er mich heftig peitschen würde?

Autorinnen haben – wie Autoren auch – immer diese herrlich schönen Pfui-Teufel-Situationen vor Augen. Du erinnerst dich vielleicht noch (doch, bestimmt, tust du das) an den Peitschenhieb in den Schritt, den Miss Anastasia Steele ebenso unvermittelt wie unglaubwürdig bekommt. Ich bin ganz sicher, dass viele der Autorinnen, deren Lippen des Mundes (Labium Oris) niemals einen Penis umfassten, ihre Heldinnen lutschen ließen, was das Zeug hält. Die Huren sagen dazu „Französisch komplett mit Aufnahme“ – pfui Teufel, wie das schmecken muss! Doch auch wenn’s die Autorin nicht schluckt – ihre Figur tut es mit Inbrunst, und die Leserin gerät mal in Verzückung, und mal kriecht der Ekel ihre Kehle hoch. Und das Interessante daran: Sie liest weiter, weil sie mit der Romanfigur lüstet und leidet.

Eine bekannte Bloggerin schrieb gerade:

Je weiter das was ich gerade lerne, von meinem eigenen Erlebnishorizont entfernt ist, umso spannender finde ich es, den Enthusiasmus des anderen nachvollziehen zu wollen.


Der eigene Erlebnishorizont ist – wenn man sich nicht gerade selbst zum Versuchskaninchen der sinnlichen Verheißungen gemacht hat – immer begrenzt, nicht wahr? Und diese zwiespältigen Gefühle gegenüber dem Exotischen lassen nie nach … was geht also vor in einem Mann oder einer Frau, die sich dem Ekel oder Schmerz hingibt, statt ihn zu verweigern?

Das Exotische, das Bittere, das, was Überwindung kostet … es gehört zu den herrlichen Situationen, in denen du über deinen eigenen Schatten springst. Du erlaubst dir plötzlich, das Unerhörte zu denken, und deine Figur wird es ausführen. Und vielleicht wird sie dir schildern, wie es sich für sie anfühlte … wer weiß.

Und ... nein, ich bin nicht die Dame auf dem Foto ... und ich habe keine Ahnung, wer es einmal war. Muss aus den 30er oder 40er Jahren stammen.

Ohne Schlampenverdacht erotisch schreiben?

Wenn Frau über Sex schreibt … ist sie eine Schlampe. Warum eigentlich? Und was ist ein Mann, der über Sex schreibt?

Erotik schreiben ...
Die Zeiten, in denen viele attraktive, geistig gesunde und überaus kluge Frauen über Sex schreiben, sollten eigentlichen gerade erst angebrochen sein. Denn sie (und nur sie) bilden ein Gegengewicht gegen die Bevormundung der Wissenschaftler einerseits und der Verblödung durch Frauenzeitschriften anderseits.

Viele „offizielle“ Frauen verachten und bewundern die Autorinnen, die sich nicht scheuen, das Blatt vom Mund zu nehmen und von Masturbation, Penissen und anderen Ereignissen zu schreiben, die ihr Leben kreuzen.

Die Wahrheit muss verachtet werden – oder?

Aber offiziell – muss man sie als Frau offenbar verachten. „Das tut man nicht, und wenn man es tut, dann redet man nicht darüber.“ Als ich vor einiger Zeit mal eine junge Frau fragte, ob sie bereit sei, für mein damalige Magazin „LiebePur“ zu schreiben, war sie zunächst ganz angetan. Doch als sie hörte, dass ich dort recht freizügig mit dem Thema Sex umging (damals noch etwas mehr als heute), zog sie ihr Angebot sofort zurück.

Neue Verblödungen und Fakes durch Alternativmagazine

Und ich merke hier mal an: Das ist erst der Anfang. Wer „über die Lust“ schreibt, schriebt noch lange nicht „von seiner eigenen Lust“. Genau das wollen aber all diese neuen Alternativmagazine. Sehr schnell kommt ihren Redakteurinnen das Unwort „authentisch“ über die Lippen. Das heißt letztlich: Frau soll über jede Masturbation, jeden aufgenommenen Penis und noch viel mehr schreiben, und zwar „auf Positiv“. Eigentlich müssten die Herausgeberinnen wissen, dass sie damit Fakes und krankhafte psychische Exhibitionisten anziehen – und vielleicht sogar eine Kombination von beiden.

Von der Schwierigkeit, allzeit authentisch zu sein

Gerade dies macht es ehrlichen Menschen (nicht ausschließlich Frauen) noch schwerer, den feuchten Wahrheiten die Ehre zu geben. Denn „echt authentisch“, also aus dem eigenen Erleben zu schreiben, ist unglaublich schwierig. Es kostet Selbstüberwindung, erfordert sprachliche Verrenkungen und – nun ja, was schreibt eigentlich jemand über „seinen“ Sex, wenn wirklich gerade Flaute herrscht?

Wie auch immer - ob frau unter dem eigenen Namen schreibt oder unter einem Pseudonym, ob sie etwas dazudichtet oder nicht, ob sie zu viel Zuckerguss dazu tut oder eine übergroße Menge Spermaflüssigkeit – sie wird immer beargwöhnt werden. Von Frauen sowieso und von Männern auch, wenngleich in anderer Weise.

Sind Autorinnen Schlampen, weil sie über Sex schreiben?

Dazu darf ich mal eine Dame zitieren, die – wie ich glaube – authentisch schreibt, und dazu in einer namhaften Wochenzeitung.

Ich wundere mich trotzdem. …Darüber, dass mich die einen als verabscheuungswürdig und die anderen als sexuell verfügbar betrachten. Für beide Seiten bin ich eine Schlampe – nur mit unterschiedlicher Konnotation.

Frauen sind Schlampen, Männer Pornografen

So, und nun frage ich mich: Was sagen „die Leute“ eigentlich über Männer, die über Erotik schreiben, teils anband von Fakten, teils anhand pointierter Meinungen?

Sie sagen dasselbe. Nur, dass diese Männer nicht als „Schlampen“, sondern schlicht und einfach als Pornografen gelten. Übrigens auch dann, wenn sie nur darüber schreiben, was (fast) jede(r) tut. Und ganz schlimm werden sie beäugt, wenn sie dazu Tacheles reden – nicht nur über Frauen, sondern auch über sich selbst.

Männer riskieren, ihre Reputation zu verlieren

Na schön, manche Männer machen sich nichts draus, aber andere werden eben verunglimpft. Das ist nicht schön, und es ist ähnlich wie bei Frauen: Man hat beste Chancen, sein Renommee als Schriftsteller oder Fachautor zu verlieren. Man fasst einfach keine Themen an, bei denen man etwas anfasst, was so pfuiteuflisch ist wie ein Penis.

Hinweis: Dieser Artikel ist eine Übernahme des Magazins "mehrhaut.de", das mit seinen neuen Beiträgen aus 2018 hierher umzieht.

Schreibst du selbst? Dann sollten wir einander kennenlernen. Wir könnten etwas von dir veröffentlichen, oder etwas über dich, deine Blogs, deine Kurzgeschichten und E-Bücher schreiben.