Skip to content

Die sexuelle Fantasie

Sinnliche Träume - unklare Realitäten
Sexuelle Fantasien – so erklärt sich möglicherweise das Unerklärliche. Es ist der fünfte Beitrag unserer Serie : "Sinnliches und Intimes kurz und knapp erklärt." Wir werden auf einzelne Aspekte der sexuellen Fantasien und auf die oft stark abweichenden sexuellen Realitäten noch häufiger eingehen.
Serie: Intimes erklärt


Die Reste des Animalischen

Die meisten sexuellen Fantasien sind Nebenprodukte des Animalischen in uns. Wir sind von der Unnatur drauf programmiert, unsere Ruhezone zu verlassen und uns selbst unter äußerster Gefahr auf den Geschlechtsakt einzulassen. Das heißt: Nicht lange fackeln, sondern munter ran an den potenziellen Geschlechtspartner, während die Gefahr im Dschungel lauert.

Einer der Punkte, um die Fantasien immer wieder kreisen, ist der Sex mit Fremden, die urplötzlich auftauchen und zu einem riskanten Abenteuer einladen. Dabei spielt der Konflikt zwischen „einvernehmlich und romantisch“ und „einvernehmlich, aber animalisch“ eine große Rolle. Zwar wissen wir aus mancherlei Schilderung, dass auch nicht einvernehmliche sexuelle Fantasien existieren, doch werden aus möglicherweise gutem Grund selten veröffentlicht.

Wonach wir heimlich lüsten, und was wir uns nicht trauen

Die meisten anderen Fantasien drehen sich um alles, was „man (frau) sich im Hinterstübchen wünscht, aber nicht zu tun wagt“. All dies ist zumeist mit einem Tabu verbunden (es ist schmutzig, es sind zu viele Personen beteiligt, das gleiche Geschlecht rückt einem zu nahe, es schmerzt oder erniedrigt). Ebenso häufig ist die Fantasie, aus einer Gruppe auswählen zu können oder erwählt zu werden. So wird die Realität der „Tanzstunde“ abgewandelt zur Auswahl eines Bettgefährten oder eines erotischen Sklaven, gleich, ob männlich oder weiblich.

Gemeinsam ist allen Fantasien: Der Träumer glaubt, die Praktiken in der Realität niemals ertragen zu können, ergötzt sich aber an der Lust, die es ihm bringen könnte, wenn er es tun würde.

Und weil dies alles sehr wahrscheinlich ist, wird es hier genauso veröffentlicht – zwar vielfach berichtet, aber sicher nicht wissenschaftlich abgesichert.

Und bevor Sie nachfragen: über die erotischen Träume, Lüste udn Fantasien haben wir natürlich verlässliche Zahlen, aber darum geht es hier ja nicht.

Warum darf erotische Literatur nicht neurotisch sein?

Erotische Fantasien kommen oft maskiert daher
Die erotische Literatur meidet den Anschein, ihre Figuren, allen voran ihre Heldinnen, seien neurotisch. Vergleicht man dies mit einem anderen Genre, dem Kriminalroman, so findet man heute Heldinnen und Helden, die hochgradig neurotisch sind: Kommissare wie Kommissarinnen, Detektive wie Detektivinnen. Ihre Neurosen gehen in ihre Arbeit ein, helfen ihnen und behindern sie, machen sie traurig und depressiv, erzeugen Zornesausbrüche und Tränen.

Wir fragen hier nicht, ob dies der Realität entspricht. Aber es ist ein versöhnlicher Ansatz, wenn der Kommissar oder die Kommissarin sich an ihre unklaren und peinlichen Momente des Lebens erinnert. An ihre „unbewältigte Vergangenheit“, wie man oberflächlich sagt, so, als könne man die Vergangenheit von der Persönlichkeit entkoppeln. Autoren von Kriminalromanen spielen mit den Neurosen: Ist der Kommissar jetzt noch „bei Trost“ oder ist er schon „Meschugge“? Oder, wie im Kriminalroman-Jargon oft zu lesen ist: „Halten Sie ihn/sie noch für dienstfähig?“

Die Leselust an den Neurosen

Was wäre, wenn die Figur in einem Roman von einem erotischen Wahn getrieben durch sein/ihr Leben navigierte? Was wäre, wenn sie mit Lust und Begeisterung ihre Abweichungen und Untiefen auslebte? Oder wenn sie im Alltag plötzlich und unvermittelt Wachträume und Fantasien aus der Erinnerung heraus produzieren würde? Nun könnte man behaupten, es gäbe wahrlich schon genug - meist fragwürdige – erotische Literatur über sexuelle Abweichungen. Aber das ist gar nicht gemeint. So wie beim Kommissar oder der Kommissarin, sollte etwas anderes im Mittelpunkt stehen: der Fall, der Beruf, das soziale Leben, das Dasein schlechthin.

Machen wir uns nichts vor … die Furcht, dass tief in der Psyche Kräfte wirken, die uns auf sinnliche Abwege führen könnten, steckt in vielen Menschen. Und die Wirkung der süßen und schmerzlichen kleinen Neurosen, die dann und wann hervortreten, ist den meisten Menschen durchaus bewusst.

Wir müssen sie nicht verdrängen – schon gar nicht, wenn wir Literatur schreiben, die von Erotik behaucht ist.
Bild: Illustration von 1904 von Henri Caruchet, Teilansicht.