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Dialoge im erotischen Roman – andere Regeln für die Lust

Dialoge nötig? Zum Beispiel "gefällt dir, was du siehst?"
Dialoge im erotischen Roman – andere Regeln für die Lust - mit Dialogbeispeilen aus drei Jahrhunderten.

Wie man erotische Dialoge schreibt? Ja gibt es denn überhaupt etwas zu sagen beim Geschlechtsverkehr? Offenbar denken viele Autorinnen und Autoren so. Und während Google 12.000 deutschsprachige Einträge zum Thema „Dialoge schreiben“ aufweist, bekommst du beim Thema „erotische Dialoge schreiben“ (mit Anführungszeichen) gar keine Ergebnisse.

Guten Rat gibt es dennoch allüberall. Doch wer die entsprechenden Webseiten öffnet, wird bald herausfinden: Der größte Teil besteht aus Werbung für Bücher oder für Kurse an Schreibschulen.

Dialoge sind nicht einfach „wörtliche Rede“

Beschäftigen wir uns also einen Moment mit „erotischen Dialogen“. Ich unterstelle, dass ihr wisst, was ein Dialog ist – denn es ist nicht, wie uns die Schule lehrt, „wörtliche Rede“. In Wahrheit ist der Dialog ein Zwiegespräch, das den Lesern etwas über die Art von Beziehung mitteilen soll, die unsere Figuren miteinander verbindet oder trennt.

Viel mehr als nur „Stilmittel“

Die Ratschläge, die Autorinnen und Autoren von Schreibschulen bekommen, sind gut gemeint, aber dennoch fragwürdig. Denn Dialoge sind mehr als Stilmittel. Der Dialog soll den Lesern vor allem zeigen, wie zwei Menschen zueinander stehen, und dann, was sich aus dem Dialog heraus verändert. Wenn die Figuren aneinander vorbeireden, einander belügen, sich voreinander verstecken oder einander ausweichen, muss dies erkennbar werden.

Die Dialoge der Lust – knallhart oder verschleiert?

In der Liebe, ob wir sie als romantisch oder hochgradig erotisch beschreiben, spielt der Dialog eine besondere Rolle: Er ist fast immer unvollkommen, und das, was gesagt wird, ist selten das, was gemeint ist. Das ist der Hauptgrund für lange, oft zögerlich angesetzte Dialoge. (1)

„Willst du einen Drink? Oder etwas essen?“
„Oh, du hast gute Manieren. Aber danke, ich will keinen Drink.“
„Und auch nichts sonst?“
„Doch. Zeig mal, was du hast ...“
„Das meinst du … nicht wirklich, oder?“
„Mhh .. du hast Angst vor mir, oder?“
„Nein, keine Angst. Du verwirrst mich.“
„Wie süß du das sagst … aber ich mag nicht lange herumreden. Mach einfach mit mir, was du willst.“


Dieser Dialog mag manchen zu heftig erschienen, kommt aber heutzutage sehr gut an. Die Frau, die fordert, der Mann, der zögert … das gefällt emanzipierten, frechen Frauen, die gar nicht daran denken, zu warten, bis sie jemand ins Bett lockt. Besonders bei der Schilderung von „Dates“ gibt es am Ende in erotischen Romanen wie in der Realität oftmals die Frage: Gibt es nun noch Sex oder nicht? (2)

„Ich hab noch nicht Danke gesagt.“
„Ist nicht nötig. War nett mit dir.“
„Ich will mich aber noch bedanken, ich meine, und du erwartest das doch, oder?“
„Ich .. bin überrascht …“
„Was ist dir lieber, mit der Hand oder mit dem Mund?“
„Ich dachte an etwas Romantischeres … hast du kein Bett oder so?“
„Geht nicht … aber ich mach dir’s wirklich schön.“


Dialoge ähnlicher Art finden wir – mehr oder weniger zögerlich, je nach der verwendeten Sprache – in vielen erotischen Romanen alter und neuer Zeit. Manchmal gehen die Autorinnen und Autorinnen sehr direkt vor, dann wieder nehmen sie sogar Rücksicht auf die Leserinnen und Leser, die sich selbst erst mit der Situation befreunden müssen: So, wie es bei Sacher-Masoch steht (nur der Dialog wird wiedergegeben) (3):

„… Mir sind Schmerzen, die du mir bereitest, ein Genuss. Peitsche mich nur, wenn es dir ein Vergnügen macht“
„Aber es macht mir kein Vergnügen.“
„Peitsche mich … Peitsche mich ohne Erbarmen.“
(Nach einem kurzen Zwischentext)
„Hast du jetzt genug?“
„Nein.“
„Im Ernst, nein?“
„Peitsche mich, ich bitte dich, es ist mir ein Genuss.“


Diese Sequenz und ein paar folgende Sätze geben dem Leser Aufschluss über die Befindlichkeit des Helden, Severin und seiner Peinigerin Wanda, der berühmten „Venus im Pelz“. Und im Grunde sind diese wenigen Sätze der Schlüssel zum Verständnis des Romans.

Ich würde euch gerne mehr schreiben, auch etwas Ausführlichere über das „Langschleichen“ an der wahren Absicht, das für Verführungen typisch ist. Über Redundanzen, also mehrdeutige Dialoge, über Zweifel an der Botschaft oder darüber, wie man Dialoge in der Erotik psychologisch interessanter gestalten kann. Dazu gehören auch spontane oder gar kalkulierte Wendungen des Glücks, die sich selbstverständlich auch in Dialoge fassen lassen.

Aber – ich weiß wirklich nicht, ob‘s euch interessiert. Sagt mir, was ihr denkt, und ich schreibe euch dann vielleicht mehr.

(1) Ein etwas „entschärfter“ und deshalb nicht wörtlich wiedergegebener Dialog aus den 2010er Jahren.“
(2) Von Isidora nach einer mündlichen Schilderung eines Dates aus den 1980er Jahren
(3) Von Leopold Ritter von Sacher-Masoch (1870).
Hinweis: Allgemeines über Dialoge, nicht zu schulmäßig bei der „literarischen Hebamme“.