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Einige Sätze über die Kunst, Gefühle zu beschreiben

Verlegen sein - wie wird das enden, auf das sie sich einließ?
Den Schülern sagen wir, sie sollen Adjektive verwenden, wenn sie Gefühle beschreiben. Das funktioniert, solange wir an der Oberfläche bleiben wollen oder müssen. Dann wirkt Hanna verlegen, wenn sie mit Gerd allein ist. Und Gerd muss seine hitzigen Gefühlswallungen unter Kontrolle halten, um Hanna nicht misstrauisch werden zu lassen, denn mit jeder abrupten Näherung könnte er ihre empfindliche Psyche verletzen.

Auf diese Weise könnt ihr seitenlang schreiben, ohne etwas zu sagen. Hanna und Gerd wirken wie Püppchen, die auf einem Sofa sitzen und einander belauern.

Wie ihr vorgehen könnt, um Gefühle zu beschreiben

Erheblich besser wäre, „verlegen sein“ auszumalen. Etwa, indem du beschreibst, wie starr sie dort sitzt, wie sie ihren Körper abschottet, wie nervös sie mit den Händen am Rocksaum zupft, wie sie seinen Blick meidet und doch nicht unhöflich wirken will. Wie ein leichtes Zerren im Unterleib sie daran erinnert, was die Natur von ihr erwartet, und wie das kleine Mäuschen im Ohr sie daran hindert. Wie sie versucht, ihre Gefühle zu verbergen und sich doch durch sanfte Hautrötungen verrät.

Du kannst auch ihre Gedanke hinzufügen, die sie jetzt durchziehen: Will ich eigentlich jetzt hier sein? Wie reagiere ich, wenn er mich um etwas bittet? Werde ich es dann tun oder nicht?

Ich wollte euch heute wirklich nur einige kurze Sätze über Gefühle schreiben. Aber natürlich kann ich euch mehr verraten. Viel mehr.

Sinnlich schreiben heißt, die Sinne zu aktivieren

Der Sinn Nummer eins - sehen und beschreiben, was du siehst
Sinnlich schreiben bedeutet, die Sinne zu beschreiben, und zwar so, dass sich die Leserin absolut mit der Heldin identifizieren kann: im Sehen, Hören, Riechen, Ertasten oder Schmecken.

Die fünf Sinne – alle sind verwendbar – nicht nur erotisch

Das Sehen

Zuerst kommt das Sehen, aber der Hintergrund des Sehens ist das Entdecken. Jemand, der sieht, versucht, sich ein Bild von der Welt zu machen. Und wer einen Menschen sieht, den er erotisch attraktiv oder begehrenswert findet, der umkreist den Körper des anderen mit sinnlichen Blicken. Einen Körper mit begehrlichen Augen zu sehen ist sehr gut beschreibbar – und vor allem sehr detailliert.

Das Hören

Wenn wir einen Menschen gesehen haben, und wir ihm näher kommen, dann hören wie seien Stimme. Sanft, guttural, rau, zart … wie ist die Stimme des Menschen, dem wir begegnen? Du kannst dem Klang der Stimme auch einen außergewöhnlichen Namen geben. Es ist auch relativ leicht, die Wirkung einer Stimme zu beschreiben und du kannst deine Texte ein wenig auflockern, indem du schreibst, wie jemand etwas sagt.

Das Riechen

Beim Riechen scheiden sich die Eindrücke. Wer jemanden „gar nicht riechen“ kann, der mag ihn nicht, aber wie ein Mensch riecht, wird selten beschrieben. Der unangenehmen Mann mag „säuerlich riechen“, der angenehme nach dem „Schweiß des redlich arbeitenden Mannes“. Frauen mögen unangenehm nach einem billigen Eau de Toilette riechen oder sie werden wegen ihrer frischen, frühlinghaft duftenden Haut“ gelobt. Auch Wohnungen haben ihren ureigenen Duft.

Das Ertasten

Wird etwas „Fremdes“ zum ersten Mal betastet, sie es ein Gegenstand oder ein Mensch, dann machen wir neue Erfahrungen. Erstaunlicherweise können die meisten Menschen sehr genau schildern, was sie ertastet haben: die Oberfläche, den Zustand, die Temperatur und auch das, was die Berührung in ihnen auslöst.

Das Schmecken

Das Schmecken (im Schwäbischen übrigens dem Riechen gleichgesetzt) steht an letzter Stelle der Sinne, weil wir als Erwachsene nicht (wie die Kinder) alle mit der Zunge erforschen wollen. Im Alltag beschränkt sich unser Schmecken fast ausschließlich auf Speisen und Getränke – nur das Küssen bildet eine Ausnahme. Die erotischen Aspekte des Schmeckens sind zwar auch außerhalb der Sexualität bekannt (etwas das Essen von Beeren, das als erotisch gilt), aber eigentlich gehört das „Schmecken und Belecken der Haut“ eher in den Bereich der Sexualität.

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Alle erotischen Lüste beschreiben, ohne sie erlebt zu haben?

Die Frage, was du wirklich selbst erlebt haben musst, um erotisch schreiben zu können, wird oft gestellt. Ein Teil deiner Leserinnen und Leser wird einfach annehmen, du wärest fantasiebegabt. Ein anderer Teil (dazu muss deine Leserschaft etwas kritischer sein) wird die Versatzstücke erkennen, aus denen du deine erotische Geschichte zusammengepuzzelt hast. Und schließlich werden einige denken: „Hey, wenn die so schreibt, dann muss sie es doch wenigstens erlebt haben!“

Warum du nicht alles erlebt haben musst, über das du schreibst

Knochenhart und einfach gesagt: Nein, wir Autorinnen und Autoren haben es nicht „wirklich“ erlebt. Wir haben uns aus einem Bild ein Bild herausgelöst, und das zeigen wir nun unserer Leserinnen und Lesern. Wir haben gelernt, aus eigenen Gefühlen fremde Gefühle abzuleiten oder fremde Gefühle so aufzunehmen, als seien es die eigenen. Wer es nicht kann, sollte lieber niemals versuchen, Schriftsteller(in) zu werden.

Gefühle können echt sein, auch wenn die Handlung unecht ist

Ich zitiere dir heute einmal etwas, das ich selbst erst kürzlich gehört und sofort notiert habe:


Beim Schreiben ist es oftmals so: Ich habe etwas Schönes erlebt, etwas Trauriges, ich nehme dieses Gefühl und schreibe dann eine Szene, in der etwas ganz anderes passiert. Das heißt: Schwarz auf weiß, auf dem Papier, ist mir das nie passiert, aber das Gefühl hinter der Szene, das ist echt.


Benedict Wells, Bestseller-Autor, gegenüber dem ZDF, 28.02.2016


Wie kann ein Gefühl „echt“ sein, das niemals in dieser Weise in unserem Körper existiert hat? Indem wir ein Gefühl vom anderen ableiten. Dazu gehören auch erotische Erfahrungen, die wir selbst niemals so erlebt haben.

Beispiele: Lutschen und Anallüste

Du hast schon einmal an etwas gelutscht und dabei „am Lutschen“ Vergnügen gehabt? Was es ein Lolli, eine Zuckerstange oder ein Eis am Stil? Nimm dieses Bild, und du wirst „Freude am Lutschen“ und „Penis“ in Einklang bringen können. Wenn du an einen Penis in einer vielleicht nicht ganz sauberen Feinripp-Unterhose denkst, kannst du dieses Gefühl nicht hervorrufen.

Was eine „anale Penetration“ ausmacht, musst du nicht unbedingt „am eigenen Leib mit einem Mann“ erprobt haben. Ein Zäpfchen, ein altertümliches Fieberthermometer, Einlauf, ein Finger, ein Dildo … all diese Instrumente rufen zunächst ähnliche Gefühle hervor. Sollte dich jemals ein Arzt anal untersucht haben, verwende die Stellung, in der du untersucht wurdest.

Und der Schmerz?

Als ausgesprochen schwierig erweist sich die Unkenntnis über den Schmerz: Ein weihnachtliches Spiel mit Wachskerzen reicht völlig aus, um zu beschreiben, wie heißes Wachs auf die nackte Haut tropft, und du kannst dir ausmalen, wie es dann auf Geschlechtsteilen wirkt. Die Autorin der „Shades of Grey“ wurde vor allem kritisiert, weil sie keine Ahnung hatte, wie intensiv ein Schlag auf die unbekleidete und haarlose Vulva wirkt. Es hätte dabei völlig gereicht, wenn sie ihre intensivsten Erfahrungen mit Schlägen oder Verletzungen verwendet hätte, um sich ein Bild der Schmerzen zu entwerfen. Es wäre mit Sicherheit anders ausgefallen als die triviale Schilderung im Roman. Und dann und wann darf jede Autorin getrost zum Selbstversuch greifen, der oftmals Erhellendes zutage fördert.

Das Ungewöhnliche – erinnern an das Gewöhnliche

Es gibt andere Empfindungen, die nicht ohne Weiteres abgeleitet werden können, zum Beispiel schwere erotische Qualen, die vor allem deshalb ausgehalten werden, um dem Partner die absolute und unverbrüchliche Liebe zu beweisen. Wer einmal aus medizinischen Gründen Messungen an der Leitfähigkeit der Nerven ertragen hat, wird danach wahrscheinlich eine Szene beschreiben können, in der eine erotische Elektrofolter (Reizstrom) zur Anwendung kommt.

Leichtsinn, Zuneigung und „Lust Pur“

Es müssen nicht gleich solche „perversen“ Szenen sein: Wer sich einmal ein wenig leichtsinnig (vielleicht beschwipst) in einen intensiven Flirt verstrickt hat, wird diese Szene auch auf zahllose Verführungen, ONS und ähnliche Situationen anwenden können. Das Gefühl, einen Menschen des gleichen Geschlechts in irgendeiner Weise attraktiv zu finden, kann bereits der Grundstein dafür sein, eine bisexuelle Verführung zu beschreiben. Eine Autorin, die den Cunnilingus selbst als angenehm empfindet, wird ohne Weiteres beschreiben können, wie ihn eine Frau an einer Frau vornimmt.

Und die Extreme?

Eine andere Frage, die eng damit in Zusammenhang steht: Kann ein Mann beschreiben, wie eine Frau sexuell reagiert? Oder kann eine Frau sich in den Körper eines Mannes hineinversetzen? Oder: Können Heteros „schwule“ Literatur schreiben, eventuell sogar noch vom anderen Geschlecht?

Natürlich geht das: Zungenkuss ist Zungenkuss, Fellatio bleibt Fellatio, und Cunnilingus bleibt Cunnilingus. Anal (passiv) ist leicht nachvollziehbar, und im SM-Bereich geht sowieso nahezu alles, was sich mit dem entsprechenden Repertoire an vergleichbaren Schmerzen und Erniedrigungen Gefühlen nachvollziehen lässt.

Ich denke, ich habe eure Fragen beantwortet. Wenn nicht: Fragt einfach nach.

Erstveröffentlichung: Dritter März 2016 in "Sinnlichschreiben" - unter dem Titel "Sanft oder hart: Du fühlst etwas, also schreib es - aber anders" mit geringfügigen Änderungen.

Die Wahrheit über geschriebene Dialoge - nicht nur in der Erotik

Schlechter Dialog? Sie sehen doch, ich lerne noch!

„Wir man Dialoge schreibt“ ist eine Erfindung spitznasiger Deutschlehrer und naseweiser Lektoren. In Wahrheit existiert keine Anweisung dazu. Auf der Grundschule lernen wir den Gebrauch der wörtlichen Rede, und man lehrt und, wie wir unsere Schulaufsätze damit erleuchten können. Tatsächlich lernen wir gar nichts außer Zeichensetzung dabei, und auch unsere Schulaufsätze werden damit leider oftmals nicht erhellt, sondern verunstaltet.

Sehen wir uns einmal an, was wirklich geschieht, wenn wir einen Dialog führen:

1. Unsere Sätze kommen „in Kladde“ aus uns heraus, teils unvollständig, teils grammatikalisch fehlerhaft, teils stockend. Manchmal überhöhen wir das, was wir eigentlich sagen wollten, manchmal vulgarisieren wir es.
2. Menschliche Kommunikation folgt Regeln, aber nicht den Regeln, die wir in der Schule lernen. Daraus ergibt sich eine unglaubwürdige Kommunikation, die wir überall in der Literatur wiederfinden können.
3. Kommunikation ist mehr als Sprache, sie ist in Wahrheit „Verhalten“. Das heißt: Wir kommunizieren auch dann, wenn wir vorgeben, nicht zu kommunizieren.
4. Unsere Körpersprache sagt mehr als unsere Worte. Unser Augen sprechen mit, und selbstverständlich spielt auch der Tonfall eine Rolle.
5. Viele der Dialoge, die wir in der Literatur vorfinden, wirken konstruiert, weil sie „an einem roten Faden“ entlang aufgebaut werden. Das ist lebensfremd. Wir können nicht erwarten, dass Gesprächspartner exakt auf unsere Frage antworten. Im Dialog weichen Menschen aus, antworten auf etwas, das wir gar nicht fragten, werden sprachlos.
6. In Deutschland so gut wie unbekannt ist die Umsetzung von Gedanken in Worte, die erhebliche Tücken hat. Was nützt es uns, wenn wir nur Sätze schreiben, aber nie darüber, wie sie aus uns „herausgerutscht“ sind und was wir eigentlich meinten?
7. Auch die Rückübersetzung hat ihre Tücken. Woher wollen Sie im wirklichen Leben wissen, dass sie „wirklich“ verstanden wurden? Gehen Sie im Roman einfach davon aus, dass Ihre Figuren einander verstehen? Oder dass Ihre Leserschaft versteht, worüber Ihre Figuren reden?

Vielleicht erkennen Sie jetzt, warum sogar Bestseller-Autorinnen keine brauchbaren Dialoge schmieden können, zumal dann nicht, wenn dabei die Gefühle wogen.

In diesem Artikel bin ich nicht explizit auf erotische Dialoge eingegangen. Das ist auch gar nicht nötig, denn hier soll nur ein Dilemma aufgezeigt werden, das sich von der Grundschule bis in angeblich „hochwertige“ literarische Elaborate fortsetzt: Die Sprachlosigkeit, sobald es um Dialoge geht.

Foto: Historisch, montiert und nachkoloriert.

Dieser Artikel erschien erstmalig im April 2016 auf "Sinnlich Schreiben", einem Blog, der demnächst aufgelöst wird. Alle relevanten Beiträge dieser Art werden unter "Januar 2018" erneut veröffentlicht.