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Die Grenze: Wann machst du dich zur Ware?

Das Äußere, der Charme - alles lässt sich vermarkten - aber willst du das?
Machst du dich durch Online-Dating zur Ware? Ich meine: auf keinen Fall - aber die Frauen zwischen 1918 und 1968 taten es sicherlich mehr, als sie zugaben.

Wenn ich gelegentlich vom Partnermarkt rede, dann höre ich sofort eine mächtige Gegenstimme, die mir sagen will: „Ich bin doch keine Ware!“

Das zeigt einerseits, wie wenig die angeblich so gebildeten Menschen unserer Zeit von Ökonomie verstehen – und anderseits den Widerwillen von Menschen, als „Verfügbar“ angesehen zu werden – auch, wenn sie es im Prinzip sind.

Warum der Markt unausweichlich ist

Um es kurz zu machen, alles in drei Punkten

1. Jeder Partnersuchende ist Marktteilnehmer, ob er das für sich akzeptiert oder nicht.
2. Der Markt regelt sich nach Angebot und Nachfrage.
3. Niemand ist eine Ware, nur weil er sich am Markt befindet.

Frauen leiden besonders darunter, wenn man ihnen sagt, dass sie sich „am Markt“ befänden, „sich den Marktbedingungen beugen müssen“ oder gar „ihren Marktwert einschätzen“ sollten.

Das alles ist unglaublich wichtig – aber es hat gar nichts damit zu tun, eine Ware zu sein.

Wie Frauen früher Körper und Charme vermarkteten

Interessant wird das Thema, wenn man sich in die Ursprünge des sogenannten „Datings“ einklinkt. Dabei versuchten die jungen Frauen in der Zeit zwischen dem Ende des Ersten und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs sich möglichst appetitlich herauszuputzen, um ein Date mit einem möglichst attraktiven Mann zu bekommen. Alles lief zu Marktbedingungen ab, und dieses Verhalten hatte tatsächlich Warencharakter, weil diese Frauen untereinander konkurrierten. Und weil dies alles in den USA stattfand, musste es nicht unbedingt Entsprechungen in Deutschland geben.

Die Historikerin Beth Bailey (1) schrieb über jene Zeit:

Du hast konkurriert, um bekannt zu werden, und bekannt zu sein, erlaubte dir, weiterhin zu konkurrieren. Konkurrenz war der Schlüsselbegriff in der Formel.


Schon damals trennte man die populären „Girls“ in gute und schlechte. Die „Guten“ erreichten ihren Aufstieg durch ihr „nettes Wesen“, ihre Art, Liebe ohne nennenswert sinnliche Gunstbezeugungen zu zelebrieren oder einfach durch ihre äußerliche Schönheit. Die „Schlechten“ versuchten, einen Vorteil aus ihren Dates zu ziehen, indem sie in begrenztem Maße sexuelle Gunst gegen Einladungen und Geschenke tauschten. Kurz: Jede dieser Frauen vermarktete sich, hielt dabei aber eine gewisse Distanz zu dem Eindruck, sich jemandem „an den Hals zu werfen“. (2)

Ein ähnlicher Markt bestand in Deutschland bis in die 1960er Jahre hinein, und er beruhte auf der Idee, freitags oder samstags „tanzen zu gehen“. Das beutete kaum mehr, als sich körperlich so zu präsentieren, dass die Männer aufmerksam wurden. Es war teilweise der reine „Fleischmarkt“, weil sich die Damen stets „attraktiv“ positionieren mussten - und es erwies sich zumeist ebenfalls als ein würdeloses Konkurrieren.

Die Vermarktung von "Körper und Charme" lässt nach

Obgleich es ähnliche Tendenzen bis heute gibt, hat die Methode der „Vermarktung von Körper und Charme“ doch stark nachgelassen. Die Hauptursache dafür liegt in einer Kombination von Emanzipation und wirtschaftlichem Erfolg. Denn die US-Frau wie die deutsche Frau von damals brauchte einen Mann, um etwas zu gelten, und um eine gesicherte soziale und finanzielle Zukunft zu haben.

Das alles ist Schnee von gestern. Und weil das so ist, muss niemand mehr befürchten, als Ware auf den Partnermarkt zu gehen, sondern sie oder er benötigt nur noch Einsicht in die eigenen Möglichkeiten und Grenzen. Wer sie hat, kann sich frei und selbstsicher im Partnermarkt bewegen wie der Fisch im Wasser.

(1) Baltimore, 1988, zitiert nach Hanne Blank in "Straight"
(2) Die Entwicklung konnte erst nach dem Ersten Weltkrieg einsetzen. Dazu schreibe ich noch einen weiteren Artikel für euch mit aktuellen Zeitbezügen.