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Das Geschlecht, die Rolle, der Wandel und das Spiel damit

Von Bruder zu Bruder - oder von Bruder zu Luder?
Wir sagen aus voller Überzeugung und mit dem Willen, dies auch durchzusetzen: Frauen und Männer sind gleich. Wir wissen aber, dass diese Aussage recht theoretisch ist. Selbst, wenn wir wünschen, dass die Praxis auch so sein möge.

Gleich sein, anders sein, das "Selbst" sein

Wir müssen dann zugeben, dass es trotz aller körperlicher Ähnlichkeiten auch Differenzen gibt – das ist mindestens noch für alle offensichtlich. Schwieriger wird es schon beim Denken und Fühlen. Zwar sind unsere Gehirne nicht so unterschiedlich aufgebaut, wie es manche Autoren behaupten, aber ihre chemische Steuerung funktioniert nicht deckungsgleich. Übrigens wird diese Tatsache oft verschwiegen.

Überhaupt führt der Umstand, uns in „Frauen“ und Männer“ einzuordnen, zu allem Unsinn, den man sich erdenken kann: Wir gehören immer „auch“ zu anderen Gruppen und wir sind Individuen, keine Klone eines gemeinsamen Vorbilds.

Erotische Rollen, um mehr über uns zu erfahren

In der Erotik haben wir dankenswerterweise die Möglichkeit, Rollen anzunehmen. Manche Frauen und Männer wagen dabei sogar intime Einblicke in die Geschlechtlichkeit der anderen. Meistens ändert sich dadurch wenig – aber es erlaubt uns Menschen, einen winzig kleinen Spalt aufzutun in die wundersame Welt, Dinge „neu“ oder gar „umgekehrt“ zu sehen.

Die befremdlichen Welten der willkürlichen weiblichen Dominanz

Viele Autorinnen (vor allem im Internet) gehen dabei zu weit: Es ist unsinnig, eine neue Welt weiblicher Dominanz aufzubauen, in der Männer nur noch für die „Hofhaltung“ gedacht sind. Mir kommen diese Auswüchse weiblicher Arroganz immer so vor, als würden diese Frauen den Katzenhalterinnen ähneln, die schon elf Katzen in einem Wohnzimmer beherbergen und nun noch eine Zwölfte aufnehmen, um ihre Herrschaft über ein Imperium zu sichern. Oder eben den dritten oder vierten „männlichen Sklaven“, der noch in die Sammlung passt.

Schön, das passt in eine Welt, in der alleine für den Zutritt eine Art Gehirnwäsche nötig ist – reden wir also nicht davon und blieben wir also beim Sein und der Möglichkeit, das zu spielen, was wir nicht sind. Es heißt „Rollenspiel“ und ist Teil unseres Alltags wie auch unserer Fantasie.

Was passiert eigentlich bei Rollenspielen ohne Erotik?

Ich weiß nicht, ob man dich einmal mit einer Rolle konfrontiert hat, die du nicht übernehmen wolltest, und ich gebe dir zwei (unerotische) Beispiele:

In einem psychologischen Spiel wird derjenige gekürt, der die besten Argumente hat, mit diesem kleinen Haken: Du musst gegen deine eigene Überzeugung argumentieren, um zu gewinnen.

Wenn du diese Person bist, wirst du merken, wie schnell du in die Rolle schlüpfst und vehement gegen das argumentieren, was du sonst so vehement vertrittst. Noch infamer ist die Aufforderung zum „Ampelverhalten“: Bei Grün argumentierst du für etwas, bei Gelb wägst du ab, und bei Rot redest du dagegen.

Erotische Spiele können sehr alltäglich sein

Zurück zur Erotik: Das Spiel mit dem Flirt dürfte fast allen Menschen geläufig sein. Hier speilen A und B damit, intim zu werden, ohne es wirklich in die Tat umzusetzen – oder es vielleicht doch zu tun. Ähnliche Spiele hat Eric Berne beschrieben, und eines, das heute noch sehr populär ist, heißt: „Verführ mich, aber wehe, du versuchst es.“ Ähnlich wie beim Ampelspiel lockt die Damen mit „Grün“, schaltet aber auf „Rot“, sobald sich der Lover ihr intim zu nähern versucht. Der zieht sich darauf zurück, eine Weile steht die Ampel auf „Gelb“, wechselt dann aber plötzlich wieder auf „Grün“. Das kann eine Weile so gehen, bis die Ampel auf „Grün“ stehen bleibt. Daran hat sich vor allem deshalb nichts geändert, weil die Frau dabei spielt: „Wenn du dich nicht genügend bemühst, kannst du in den Wind schießen.“ Gut, das mag nicht sehr nach Emanzipation klingen – aber es ist ein Rollenspiel, und dabei kümmern sich die Menschen nicht um soziale Korrektheit.

Und wie war das nun mit den Geschlechterrollen?

Das ultimative Spiel besteht darin, die Geschlechteridentität anzuzweifeln oder spielerisch die Rolle des anderen Geschlechts anzunehmen. Je nach Auffassung und Ausführung kann man dies als lustvolles Vergnügen (etwa bei einer Travestieschau) oder als sexuelle Grenzüberschreitung auslegen. Womit wir wieder bei dem wären, was Frauen und Männer wirklich oder angeblich trennt oder auch eint.

Dieses Thema ist nicht nur interessant, wenn ihr euch für frivole Rollenspiele interessiert. Es ist die eigentliche Grundlage, um dem „anderen Geschlecht“ unter die Haut zu kriechen und über erotische Begegnungen zu schreiben, seien sie heterosexuell, homosexuell oder alles dazwischen. Bist du Autorin oder Autor? Dann wäre es vielleicht dein Thema.

Bild oben: Historische Illustration.

Sexualität kann eindeutig sein, muss aber nicht

„Sexuelle Orientierung“ ist ein beliebtes Stichwort, wenn es darum geht, den Lebensstil eines Menschen zu beschreiben. Wir haben und daran gewöhnt, Begriffe wie „schwul“, „lesbisch“, homosexuell, bisexuell oder gar heterosexuell zu verwenden, um das zu tun, was wir so lieben: Schuhkartons, in die wir uns einordnen können.

Dazu gehören dreiste Behauptungen, wie die, man sie „entweder homosexuell oder heterosexuell“, und in Kreuzworträtseln finden man sogar den Begriff „Gegenteil von Homosexualität“ – und dann ist „Heterosexualität“ gefragt.

Nein – das alle ist Unsinn. Wir sind zumeist sexuell. Wir werden angezogen vom Erotischen, vom Schönen, vom Sinnlichen und vom Schwachen, vom Starken und vom Mächtigen. Die sogenannte „sexuelle Orientierung“ kann vorläufig, endgültig und gelegentlich auch häufig wandelbar sein. Und erotische Regungen müssen nicht zwangsläufig dazu führen, Menschen körperlich zu begegnen.

Dazu las ich dieser Tage (überwiegend an Frauen gerichtet, aber es mag für Männer ebenso gelten)

Die sexuelle Orientierung ist auf einem Kontinuum anzusiedeln, wobei eine exklusive Homosexualität bzw. exklusive Heterosexualität die jeweiligen Pole eines Kontinuums darstellen.


Was in der Praxis heißt: Sich sexuell zu orientieren (ach weit nach der Adoleszenz) heißt nicht, etwas zu sein oder nicht zu sein – das sind nur die Extreme. Es heißt vielmehr, sich auszurichten, eine generelle Linie zu finden und sich darüber hinaus an der Lust zu freuen, die wir von anderen bekommen und die wir anderen schenken möchten.