Skip to content

Ziemlich revolutionär: Sexualität und Erotik im 21. Jahrhundert

Sex gibt es immer - aber die Bedingungen ändern sich
Unser Team hat eine neue Idee für Autorinnen und Autoren: die sinnlichen, erotischen und sexuellen Themen des 21. Jahrhunderts.

Nun könntet ihr fragen: „Ja, gibt es denn etwas Neues in der Liebe?“ Oder ihr könntet vielleicht behaupten „Sex ist doch immer dasselbe“, oder vielleicht auch; „Erotik ist doch so etwas von ausgelutscht“.

Das mag alles stimmen – aber die Gesellschaft hat sich entwickelt. Frauen treten wesentlich offensiver auf, während Männer mehr und mehr nachdenklich werden, was mit ihnen und ihrer Rolle geschehen könnte.

Sexuelle Experimentierlust, neue Phänomene und ratlose Psychologen

Parallel dazu wird die Lust am sexuellen Experimentieren immer größer. Das Manifest der Heterosexualität wackelt sein Langem, aber auch die „Konkurrenz“, die LGBT-Kreise, können sich nicht mehr sicher sein, dass sie die „Allein selig Machende“ Idee für alle sexuellen Identitäten haben. Es gibt immer mehr Menschen, namentlich intellektuelle Frauen, die sich zur fließenden Sexualität bekennen. Zudem ist bemerkenswert, dass die Psychologie, die sonst immer gleich den Arm hebt, wenn es um die Erläuterung des menschlichen Verhaltens geht, dazu schweigt. Nach deren Auffassung hat der Mensch ja ein ICH, aber niemals ein „ANDERE“, obgleich das „Alter Ego“ schon die Griechen kannten. Darüber wäre noch zu sprechen, denn kein Kybernetiker würde unterschreiben, dass die körpereigene CPU nur eine Persönlichkeit managen kann. Das Thema kann hier nicht erschöpfend behandelt werden - lasst mich dies an anderem Orte tun.

Auch das Kommunikationszeitalter ist noch längst nicht in der Literatur angekommen. Sich digital zu verlieben oder Illusionen über eine Liebe im Internet zu machen, sind Fakten – in der Literatur finden wir sie kaum.

Ja – und was machen wir daraus? Wir nennen Themen, mit denen sich die Literatur endlich auseinandersetzen sollte – die sinnliche Literatur, die erotische Literatur und die Literatur schlechthin. Der erste Teil beschäftigt sich mit Lust und Digitalisierung in der erotischen Literatur.

Ich bin gespannt auf die Reaktionen, wie immer sie ausfallen mögen.

Warum kann Sexualität fließend sein und warum nicht?

Wahrscheinlich kennt ihr Begriffe wie die „sexuelle Ausrichtung“. Das ist der Weg, den jemand nach der Pubertät einschlägt und dann weiter verfolgt. Dabei zeigen sich drei Grundtendenzen:

1. Jemand ist eindeutig heterosexuell oder eindeutig homosexuell.
2. Jemand bevorzugt heterosexuell Beziehungen, ist aber anderen nicht grundsätzlich abgeneigt.
3. Jemand schwankt zwischen Homosexualität und Heterosexualität.

Völlig unabhängig von Begriffen wie „Sexueller Orientierung“, „sexueller Veranlagung“ oder“, „sexueller Präferenz“, „sexueller Neigung“ und „sexueller Identität“ kann jede Person auch Freude an sexuellen Handlungen haben die er selbst verursacht oder die ein beliebig geschlechtlicher Mensch an ihm vollbringt. In den ersten Fällen ist es eine Lebenseinstellung, in den zuletzt genanten ein lustvolles Spiel, das nur sehr bedingt etwas mit der „Orientierung“ zu tun hat.


Hat sich jemand festgelegt und kann er sich nichts anderes vorstellen, als „Entweder-oder“ zu sein, ist das in Ordnung. Ist er im Konflikt um seine „wahre Orientierung“, kann er dies in Einzelgesprächen, Selbsthilfegruppen und Therapien herausfinden. Solche Menschen und Institutionen haben Erfahrung damit, das Hirn zu lüften und Klärungen herbeizuführen.

Diejenigen, die im Grunde heterosexuell orientiert sind, daran ihr Glück gefunden haben und dennoch gerne mal in Nachbars Garten grasen, benötigen sehr viel Selbstbewusstsein und eine geschlechtsneutrale Genussfähigkeit. Das Selbstbewusstsein hilft, sich gegen Angriffe von außen zu verteidigen und innerlich stabil zu bleiben. Die geschlechtsunabhängige Genussfähigkeit ist meist gewachsen.

Eines der eher harmlosen Beispiele: Die Hand, die den Penis berührt, kann die eigene sein, die einer liebevollen Frau oder die eines erfahrenen Mannes. Für Frauen gilt dies analog für die Klitoris. Besonders geschlechtsneutral werden zumeist die Tagträume und Fantasien empfunden, in denn wirklich nicht klar ist, wer wen berührt, weil alle Berührungen nur in der eigenen Vorstellung stattfinden.

Die Beispiele mögen zeigen, warum es keine „fließende sexuelle Orientierung“, wohl aber eine fließende sexuelle Genussfähigkeit geben kann.

Klar – diese Thesen sind nicht genügend gesichert. Aber alles spricht dafür, dass es neben der eher geschlechtszentrierten Orientierung auch eine solche auf den höchsten erzielbaren Genuss gibt.

Bi, echt?

Tendenz "BI" für den Dreier?
Seit einigen Monaten recherchiere ich über Dreier – ja Triolen, also Gelegenheitssex in Gruppen mit drei Partnern. Einmal, um herauszufinden, wo sich Wunsch und Wirklichkeit trennen, und dann, um festzustellen, welche Strömungen besonders attraktiv für Voyeure (Voyeurinnen) und Leser(innen) sind, die von solchen Geschichten richtig geil werden sollen. Und schließlich wäre da noch die Frage, ob du solche Geschichten auch in die „seriöse“ Literatur einbetten kannst. Das kann ich heute leider nicht behandeln, aber ich kann sagen – alles, was es gibt, kann auch seriös beschrieben werden.

Ein Satz ist mir besonders aufgefallen (1):

Wenn eine Triole aus drei heterosexuellen Personen besteht, kann sie ganz nett sein. Wenn einer der Partner „bi“ ist, wird sie interessant. Und wenn mindestens zwei der Partner „bi“ sind, wird sie richtig abenteuerlich.


Stimmt das? Reden wir einmal über „Bi“.

Bi und Frauen

Reden wir also über „Bi“, und erst einmal über Frauen. Forscher haben definitiv festgestellt, dass Frauen eher „sexuell“ als heterosexuell sind, egal, wie sie das selbst sehen. Diejenigen, die damit umgehen können, bevorzugen zwar fallweise Frauen oder Männer, würden sich selbst aber nicht als „bisexuell“ bezeichnen. Die etwas verstörten Frauen, die sich „nicht entscheiden“ können, ob sie nun Frauen oder Männer lieben, neigen am ehesten dazu, sich als „bisexuell“ zu bezeichnen, und sie verhalten sich, bei Frauen wie auch bei Männern, meist höchst problematisch. Besonders Frauen, die von Grund auf sexuell aktiv und dabei auch herausfordernd sind, gehören sexuelle Kontakte zu Frauen zu den Genüssen, die sie sich einfach gönnen wollen.

Du kannst vielfach lesen, dass der Zungenkuss ein Auslöser ist: Manche Frauen geben einander leichthin Zungenküsse, und sie werden davon nicht sonderlich erregt. Andere hingegen verweigern Zungenküsse, weil sie fürchten, davon sexuell erregt oder als „lesbisch“ zu gelten. Du kannst aus fast allen Aussagen über „Frauen und Dreier“ entnehmen: Furcht und Neugierde halten sich die Waage. Vor allem haben „überzeugte“ Hetero-Frauen Angst davor, nicht zu wissen, wie sie eine Frau lustvoll befriedigen können – sie fürchten also, als „unerfahren“ zu gelten oder beim Sex mit Frauen zu versagen.

Bi und Männer

Bei Männern ist die Lage ein wenig anders. Männer geben einander wenig Chancen, körperliche Zärtlichkeiten zuzulassen. Sie fürchten meist, etwas von ihrer Männlichkeit zu verlieren, als „schwul“ zu gelten oder etwas in der Art. Selbst unter Swingern oder anderen tendenziell sexuellen Gruppen haben Hetero-Männer vorbehalte, sich auf andere Männer einzulassen. Jeder Versuch einer lustvollen Berührung durch einen Mann wird zurückgewiesen, und selbst jede ungewöhnliche Berührung oder sexuelle Handlung von Frauen wird zurückgewiesen, wenn sie nicht in den „üblichen Rahmen“ passt. Die neue Lust am „Pegging“ hat daran offenbar wenig geändert. Ein kleiner Trick hilft im erotischen Roman (und möglicherweise auch dann und wann in der Realität): Bei einem sogenannten FMM-Dreier verführt die Frau beide Männer und bereitet sie darauf vor, auch aneinander gefallen zu finden.

Was sagt uns das alles über "Bi"?

Das Wort „Bi“ oder „Bisexuell“ steht überwiegend für Menschen, die in ihrer sexuellen Präferenz schwanken, aber nicht für solche, die darin eine Möglichkeit sehen, ihre erotischen Fähigkeiten zu vervollkommnen oder zu mehr Genuss zu gelangen. Swinger, Darsteller(innen) und Menschen in erotischen Dienstleistungsberufen sind dabei eher geneigt, sich der Lust hinzugeben als zu fragen, wer sie gibt und wer sie empfängt.

Da viele Dreier, die in der Öffentlichkeit beschrieben werden, sogenannte MFF-Dreier sind, fühlen sich Frauen eher genötigt, dafür zu sorgen, dass „alle Beteiligten daran Spaß haben“. Was im Klartext heißt, sich auch um die „zweite Frau“ zu bemühen, wenn sie darin schon etwas Erfahrung haben.

Also: keine Angst davor, dass „Triolen“ auch gleichgeschlechtliche Komponenten enthalten. In der Realität gibt es darüber zumeist Absprachen, während es in erotischen Romanen meist Impulse sind, die eine gleichgeschlechtliche Aktivität einleiten.

(1) Ich erinnere mich nicht mehr, wo dieses Zitat (in französischer Sprache) stand.
Bild: Groschenroman (Titel) ohne Datum

Das Geschlecht, die Rolle, der Wandel und das Spiel damit

Von Bruder zu Bruder - oder von Bruder zu Luder?
Wir sagen aus voller Überzeugung und mit dem Willen, dies auch durchzusetzen: Frauen und Männer sind gleich. Wir wissen aber, dass diese Aussage recht theoretisch ist. Selbst, wenn wir wünschen, dass die Praxis auch so sein möge.

Gleich sein, anders sein, das "Selbst" sein

Wir müssen dann zugeben, dass es trotz aller körperlicher Ähnlichkeiten auch Differenzen gibt – das ist mindestens noch für alle offensichtlich. Schwieriger wird es schon beim Denken und Fühlen. Zwar sind unsere Gehirne nicht so unterschiedlich aufgebaut, wie es manche Autoren behaupten, aber ihre chemische Steuerung funktioniert nicht deckungsgleich. Übrigens wird diese Tatsache oft verschwiegen.

Überhaupt führt der Umstand, uns in „Frauen“ und Männer“ einzuordnen, zu allem Unsinn, den man sich erdenken kann: Wir gehören immer „auch“ zu anderen Gruppen und wir sind Individuen, keine Klone eines gemeinsamen Vorbilds.

Erotische Rollen, um mehr über uns zu erfahren

In der Erotik haben wir dankenswerterweise die Möglichkeit, Rollen anzunehmen. Manche Frauen und Männer wagen dabei sogar intime Einblicke in die Geschlechtlichkeit der anderen. Meistens ändert sich dadurch wenig – aber es erlaubt uns Menschen, einen winzig kleinen Spalt aufzutun in die wundersame Welt, Dinge „neu“ oder gar „umgekehrt“ zu sehen.

Die befremdlichen Welten der willkürlichen weiblichen Dominanz

Viele Autorinnen (vor allem im Internet) gehen dabei zu weit: Es ist unsinnig, eine neue Welt weiblicher Dominanz aufzubauen, in der Männer nur noch für die „Hofhaltung“ gedacht sind. Mir kommen diese Auswüchse weiblicher Arroganz immer so vor, als würden diese Frauen den Katzenhalterinnen ähneln, die schon elf Katzen in einem Wohnzimmer beherbergen und nun noch eine Zwölfte aufnehmen, um ihre Herrschaft über ein Imperium zu sichern. Oder eben den dritten oder vierten „männlichen Sklaven“, der noch in die Sammlung passt.

Schön, das passt in eine Welt, in der alleine für den Zutritt eine Art Gehirnwäsche nötig ist – reden wir also nicht davon und blieben wir also beim Sein und der Möglichkeit, das zu spielen, was wir nicht sind. Es heißt „Rollenspiel“ und ist Teil unseres Alltags wie auch unserer Fantasie.

Was passiert eigentlich bei Rollenspielen ohne Erotik?

Ich weiß nicht, ob man dich einmal mit einer Rolle konfrontiert hat, die du nicht übernehmen wolltest, und ich gebe dir zwei (unerotische) Beispiele:

In einem psychologischen Spiel wird derjenige gekürt, der die besten Argumente hat, mit diesem kleinen Haken: Du musst gegen deine eigene Überzeugung argumentieren, um zu gewinnen.

Wenn du diese Person bist, wirst du merken, wie schnell du in die Rolle schlüpfst und vehement gegen das argumentieren, was du sonst so vehement vertrittst. Noch infamer ist die Aufforderung zum „Ampelverhalten“: Bei Grün argumentierst du für etwas, bei Gelb wägst du ab, und bei Rot redest du dagegen.

Erotische Spiele können sehr alltäglich sein

Zurück zur Erotik: Das Spiel mit dem Flirt dürfte fast allen Menschen geläufig sein. Hier speilen A und B damit, intim zu werden, ohne es wirklich in die Tat umzusetzen – oder es vielleicht doch zu tun. Ähnliche Spiele hat Eric Berne beschrieben, und eines, das heute noch sehr populär ist, heißt: „Verführ mich, aber wehe, du versuchst es.“ Ähnlich wie beim Ampelspiel lockt die Damen mit „Grün“, schaltet aber auf „Rot“, sobald sich der Lover ihr intim zu nähern versucht. Der zieht sich darauf zurück, eine Weile steht die Ampel auf „Gelb“, wechselt dann aber plötzlich wieder auf „Grün“. Das kann eine Weile so gehen, bis die Ampel auf „Grün“ stehen bleibt. Daran hat sich vor allem deshalb nichts geändert, weil die Frau dabei spielt: „Wenn du dich nicht genügend bemühst, kannst du in den Wind schießen.“ Gut, das mag nicht sehr nach Emanzipation klingen – aber es ist ein Rollenspiel, und dabei kümmern sich die Menschen nicht um soziale Korrektheit.

Und wie war das nun mit den Geschlechterrollen?

Das ultimative Spiel besteht darin, die Geschlechteridentität anzuzweifeln oder spielerisch die Rolle des anderen Geschlechts anzunehmen. Je nach Auffassung und Ausführung kann man dies als lustvolles Vergnügen (etwa bei einer Travestieschau) oder als sexuelle Grenzüberschreitung auslegen. Womit wir wieder bei dem wären, was Frauen und Männer wirklich oder angeblich trennt oder auch eint.

Dieses Thema ist nicht nur interessant, wenn ihr euch für frivole Rollenspiele interessiert. Es ist die eigentliche Grundlage, um dem „anderen Geschlecht“ unter die Haut zu kriechen und über erotische Begegnungen zu schreiben, seien sie heterosexuell, homosexuell oder alles dazwischen. Bist du Autorin oder Autor? Dann wäre es vielleicht dein Thema.

Bild oben: Historische Illustration.

Sexualität kann eindeutig sein, muss aber nicht

„Sexuelle Orientierung“ ist ein beliebtes Stichwort, wenn es darum geht, den Lebensstil eines Menschen zu beschreiben. Wir haben und daran gewöhnt, Begriffe wie „schwul“, „lesbisch“, homosexuell, bisexuell oder gar heterosexuell zu verwenden, um das zu tun, was wir so lieben: Schuhkartons, in die wir uns einordnen können.

Dazu gehören dreiste Behauptungen, wie die, man sie „entweder homosexuell oder heterosexuell“, und in Kreuzworträtseln finden man sogar den Begriff „Gegenteil von Homosexualität“ – und dann ist „Heterosexualität“ gefragt.

Nein – das alle ist Unsinn. Wir sind zumeist sexuell. Wir werden angezogen vom Erotischen, vom Schönen, vom Sinnlichen und vom Schwachen, vom Starken und vom Mächtigen. Die sogenannte „sexuelle Orientierung“ kann vorläufig, endgültig und gelegentlich auch häufig wandelbar sein. Und erotische Regungen müssen nicht zwangsläufig dazu führen, Menschen körperlich zu begegnen.

Dazu las ich dieser Tage (überwiegend an Frauen gerichtet, aber es mag für Männer ebenso gelten)

Die sexuelle Orientierung ist auf einem Kontinuum anzusiedeln, wobei eine exklusive Homosexualität bzw. exklusive Heterosexualität die jeweiligen Pole eines Kontinuums darstellen.


Was in der Praxis heißt: Sich sexuell zu orientieren (ach weit nach der Adoleszenz) heißt nicht, etwas zu sein oder nicht zu sein – das sind nur die Extreme. Es heißt vielmehr, sich auszurichten, eine generelle Linie zu finden und sich darüber hinaus an der Lust zu freuen, die wir von anderen bekommen und die wir anderen schenken möchten.