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Was nützt es mir, Jungfrau zu sein?

Rückzug im letzten Moment: Heute bitte nicht, Schatz ...
Da steht der Satz also im Raum. Ja, ihr könntet nun fragen: „Muss denn alles einen Nutzen haben?“ Oder die Gegenfrage stellen: „Was nützt es dir, keine Jungfrau mehr zu sein?“

Professorchen sagt, ich müsse das alles von außen betrachten. Kein Mann würde mir von mir annehmen, Jungfrau zu sein, so frei und offen, wie ich mich „geben“ würde. „Gebe“ ich mich denn? Ich bin frei und offen, sinnlich und - soweit ich dem Spieglein an der Wand glauben darf, auch hinreichend schön. Aber es ist eben so: Die anderen können denken, was sie wollen – aber wenn ich einen Mann treffe, und – na ja, wenn es „so weit ist“– dann ziehe ich die Notbremse. Mal früher, mal später.

Ich muss nicht lange zurückdenken, da trug ich nichts als einen Tanga – und dann habe ich mich wieder angezogen. „Geht heute nicht“, habe ich gesagt, „tu mir leid.“ So weit war ich noch nie. Männer haben ja komischerweise Verständnis dafür, wenn du sagst: „Es geht heute nicht“, aber sie kommen dann auch nicht wieder. „Schwanzfopperin“ hätte man so etwas früher genannt, meint Professorchen, und das ist nun gar kein schöner Ausdruck.

Irgendwie bist du nicht das, was du bist, wenn alle glauben, du wärst etwas anderes. Wahrscheinlich kennt ihr die doofen Sprüche alle auswendig: „Das ist sicher dein Sternzeichen“ oder „in was bist du denn noch Jungfrau?“

Oh, ja, das wäre noch Professorchen. Der ist eigentlich keiner, aber er ist ziemlich schlau. Ich habe lange drüber nachdenken müssen, was er sagt: „Du bist immer das, was die Leute von dir glauben, dass du es bist.“

Na schön, in den Augen der Leute bin ich keine Jungfrau, obwohl ich eine bin. Nur: Was werde ich in den Augen meiner Mitmenschen sein, wenn ich keine mehr bin? Ich kenne ein paar Frauen, die in einem „gewissen Ruf“ stehen, und da denke ich doch: Ist es nicht besser, wenn mich jemand als „sehr zurückhaltend“ wahrnimmt? Viel besser jedenfalls, als in den Geruch zu kommen, „alles ausprobieren zu müssen“? Die Nachbarn in meiner Heimat sagen oftmals: „Du kannst tun, was du willst, die Leute zerreißen sich eh das Maul über dich.“ Aber da gibt es immer die anderen, die wie die kleinen Mäuschen in den Ohren hängen: „Mädchen, du musst auf deinen Ruf achten, er ist so schnell zerstört.“

Ich will euch teilhaben lassen an dem, was ich erlebe, wie ich mich dabei fühle und was die Menschen am Ende wirklich über mich sagen. Deswegen beginne ich heute ein Tagebuch.

***

Nein, ich beginne heute kein Tagebuch. Was ich euch geschrieben habe, ist der Beginn eines Tagebuch-Romans, den ihr beliebig ausschmücken und weiterschreiben könnt. Ich sage euch gleich, dass solche Romane immer „rückwirkend“ geschrieben werden … dann kannst du noch viel korrigieren, was wirklich niemand lesen soll. Fragst du dich, ob der Roman der Wahrheit entsprechen muss? Nein, sicher nicht, aber er muss zupackend geschrieben sein, beinahe so, als ob deine Leserinnen jede Nervenfaser deines Körpers spüren können, wenn sie ihn lesen. „Professorchen“ als Figur wurde eingesetzt, um den Gedanken von „Sein“ und „Scheinen“ jederzeit wieder aufnehmen zu können. Damit setzt du einen Kontrapunkt zu deiner Schilderung, die du dann wirklich sehr erotisch und „hautnah“ darstellen kannst.

Lest bitte dazu noch die Bedingungen, die ihr erfüllen müsst, um die Geschichte weiterzuschreiben.
Bild: La Vie Parisienne, 1914.

Welche Art Jungfrau bist du?

Eine Jungfrau hat kein sexuelles Verlangen ... oder doch?
Die Frage ist für die einen lustig, für die anderen empörend. Wieso welche Art? Entweder du bist es oder du bist es nicht, oder? Und wen geht das eigentlich etwas an, nur mal so nebenbei gefragt?

Nun – gemach. Was eine Jungfrau im herkömmlichen Sinne ist, wissen die meisten – kein PiV. Gilt für Frauen und für Männer. PiV ist inzwischen das Schlüsselwort für „ganz normalen Sex“, bei dem der Penis in die Vagina eindringt.

Im Grunde ist es abwegig, das Thema „der Jungfrau“ auf diesen einen Begriff zu reduzieren. Demnach wäre eine Frau ausschließlich dann eine Jungfrau, wenn sie niemals penetrativen Vaginalsex hatte – Fingern, Oralverkehr oder Analverkehr würden nicht zählen. Ebenso wäre ein Mann dann eine Jungfrau, wenn er seinen Penis niemals in eine Vagina versenkt hätte – und aktiver Analverkehr (egal ob mit Frauen oder Männern) würde ebenso wenig zählen wie passiver Analverkehr. Von Handverkehr ganz zu schweigen. Was letztlich heißt: Die gesamte Begrifflichkeit der Jungfrau ist eine Farce, und jedes „erste Mal“ in einer neuen Konstellation kann erneut den „Verlust der Jungfernschaft“ bedeuten.

An dieser Stelle will ich einen Begriff einführen, den selbst die Literatur nicht kennt: die mentale Jungfrau.

Eine Frau "erwecken" - durch Geschlechtsverkehr?

Ist „Jungfrau“ sein überhaupt ein Phänomen, das wir auf den Körper reduzieren können? Kann jemand psychisch (seelisch, mental) Jungfrau sein, körperlich aber nicht? Und kann jemand mental bereits „sexuell“ sein, physisch aber noch eine Jungfrau? Wer darüber auch nur ein Fitzelchen bei Google sucht, wird enttäuscht. Sehen wir zunächst die Theorie an:

Alte Ideen überleben bis heute

Nach Auffassung vieler Sexforscher des 19. Und 20. Jahrhunderts wird die Frau durch den ersten Geschlechtsverkehr sexuell „erweckt“, das heißt, in ihr wird die Lust freigemacht, die bisher blockiert war. Erstaunlicherweise wurde diese These niemals aufgegeben, obgleich sehr viel ledige Frauen mit dem Finger oder Sextoys masturbieren. Sind diese Frauen Jungfrauen? Bleiben sie „unerweckt“, nur weil es keinen Penis gab, der in ihrer Vagina eindrang? Eine zweite, oft gehörte Theorie besteht darin, dass der psychische Geschlechtsakt (PiV) ein Ereignis ist, das eine ungeheuer prägende Kraft hat.

Die im Bereich von Online-Dating-Unternehmen tätige Psychologin Lisa Fischbach will wissen:

Die erste Liebe hinterlässt in unserer Gefühlswelt einen nachhaltigen Eindruck. Das Besondere an der ersten Liebe ist ihre Einmaligkeit. Eine zweite Chance für die erste Liebe gibt es nicht. Den ersten Kuss, den ersten Sex … – das erleben wir nur ein einziges Mal.


Ich lasse den Satz so stehen, wie er gesagt wurde - der Mainstream ist weiterhin dieser etwas romantisch angehauchten Meinung.

Nicht-Jungfrauen können jungfräulich wirken und umgekehrt

Heißt dies aber auch, dass der „erste Sex“ das gesamte Leben prägt? Wir wissen es nicht. Was wir aber mit Sicherheit sagen können, ist dies: Ein Teil der Frauen hinterlässt äußerlich und mental den Eindruck, „jungfräulich“ zu sein, mag dies nun zutreffen oder nicht. Und ein anderer Teil erweckt den Eindruck, keine Jungfrau zu sein – und auch dies kann zutreffen oder auch nicht.

Mit einem Unterschied: Eine Jungfrau zu spielen und es nicht zu sein, ist einfach und kann sehr überzeugend verwirklich werden. Hingegen ist es kompliziert, eine erfahrene Frau (oder einen erfahrenen Mann) zu spielen, weil diese Person ständig mit der Angst lebt, im Moment der Wahrheit zu versagen.

Die Jungfrauen – was tun sie nicht, was andere tun?

Im Prinzip kann eine Jungfrau jede Art von Sex außer vaginalen, penetrativen Geschlechtsverkehr mit einem Mann gehabt haben. (Das gilt analog auch für männliche Jungfrauen). Die Worte „Totaljungfrau“ oder „Volljungfrau“ werden nur äußerst selten benutzt. Sie würden eine Jungfrau bezeichnen, die nie und in keiner Weise sexuelle Lüste gegeben oder bekommen hat. Frauen, die niemals „bis zum Letzten“ gingen, aber Männer dennoch sexuell mit allen Mitteln reizten, hießen früher einmal „Halbjungfrauen“.

Die mentale Jungfrau

Mentale Jungfrauen (auch dieser Begriff ist selten) hatten zwar Geschlechtsverkehr unterschiedlicher Art, glauben aber, dass sie innerlich „Unschuldig“ geblieben sind. Sie begegnen Männer psychisch wie physisch in einer Art, die sie als „Unschuldig“ erscheinen lässt.

Eine „eiserne“ Jungfrau, als eine, die sich nahezu allen Berührungen verweigert, ist heute ebenfalls selten geworden. Geliebten sind Frauen und Männer, die sich vor dem „ersten Mal“ (sei es PiV oder irgendetwas anderes) fürchten und sich in dem Moment, in dem der Standard-Sex möglich wäre, zurückziehen.

Obgleich dies alles im Grunde dafür spricht, die Mauer zwischen „Jungfrauen“ und „Nicht-Jungfrauen“ in den Köpfen abzubauen, besteht sie weiterhin – und führt zu allerei Problemen.

Das vorläufige Fazit (es folgt ein vierter Teil) sieht so aus:

Erstes Fazit: Jungfernschaft ist eine Kopfsache

Jungfräulichkeit (1) ist ein Begriff der Vergangenheit, der nichts über die Lust oder Bereitschaft zum Sex aussagt – und nur noch wenig über den „physischen“ Zustand einer Frau. Im Wesentlichen ist „Jungfernschaft“ eine Kopfsache. Niemand, der häufig masturbiert hat, wird sich ernsthaft als „Jungfrau“ bezeichnen dürfen, weder Frau noch Mann. Und die angebliche mentale „Ausstrahlung“ einer Jungfrau kann antrainiert oder abtrainiert werden. Die Schranke aber bleibt vor allem bei jenen bestehen, die daran glauben, dass es eine Schranke gibt – oder bei denjenigen, die Angst davor haben, die Gleise zu überschreiten, auch wenn die Schranke offen ist.

(1) Interessant (in englischer Sprache) "Wer ist Jungfrau und wer nicht?, auch (noch kritischer) bei der IWHC
Bild: Aus dem Titelbild eines Buches der späten 1920er Jahre.


Lesen Sie im vierten Teil, was es mit den „Ungeküssten“ auf sich hat – den späten Jungfrauen.

Die Jungfrauenfrage – hast du niemals, einmal, viele Male?

Jungfrau bleiben? Oh, er liebt mich ein wenig … zu sehr
Kaum jemand in unserem Kulturkreis stellt die Frage heute noch. Oder sollte man sagen „die Fragen“? „Bist du noch Jungfrau?“ „Wie viele Männer (Frauen) hattest du schon?“ Oder, besonders infam: „Welche Art Jungfrau bist du noch?

Du bist Jungfrau, wenn … ja wenn eigentlich?

Kreisen wir mal um den Begriff wie eine Biene um die Blüte. Für unsere Vorfahren und für die Menschen zu Moses Zeiten war eine Jungfrau eine Tochter, die wohlbehütet aufwuchs und niemals Geschlechtsverkehr hatte – erkennbare am „intakten“ Jungfernhäutchen. Im 20. Jahrhundert setzte sich durch, von einer Jungfrau zu sprechen, wenn sie noch keinen penetrativen Geschlechtsverkehr hatte. Das bedeutete: Sie konnte durchaus schon sexuelle Genüsse (Masturbation, Fingern durch andere, anal, oral) gehabt haben, aber eben noch kein „PiV“, wie es im englischen Sprachraum jetzt unter jungen Leuten heißt.

Wie viele Männer sind „zu viele“ Männer?

Nachdem dies nun für Frauen geklärt ist (auf Jungs kommen wir später) ist die Frage: Wie lautet(e) denn nun das Urteil, wenn eine Frau ihre „Jungfernschaft“ verlor? Und wie wird sie beurteilt, wenn sie mehr als 2, 4, 8, 16 oder 32 „echte“ unterschiedliche Lover hatte?

Töchter als Handelsgut und der Preis, sie loszuwerden

Anzeigen dieser Art waren üblich, wenn die Tochter "überfällig" war
Nichts in der Beurteilung von Frauen hat sich in den letzten Jahrtausenden, ja sogar noch Jahrhunderten und Jahrzehnten so gewandelt wie die Beurteilung „des Verlusts der Jungfernschaft“. Dazu muss man wissen, dass die Töchter zu Moses Zeiten noch eine Art „Handelsgut“ waren. Und das sich nur die Jungfrau versilbern ließ, wurde sogar in die Religionsvorschriften aufgenommen, dass sie Jungfrau zu sein habe – und was geschehen würde, wenn sie als solche deklariert wurde, dies aber einer Prüfung nicht standhielt. (Das könnt ihr in Mose 5.22 alles nachlesen, falls euch so etwas Spaß macht). Aus nicht-religiöser Sicht kann man sagen, dass es sich dabei nur teilweise um Religion und Moral, andernteils aber auch um die Sicherung der wirtschaftlichen Belange des Vaters handelte.

Der Deal – der Vater gibt Geld, der Bräutigam lacht

In der Blütezeit des Bürgertums wurde die Jungfräulichkeit ähnlich hochgehalten. Diesmal aus dem entgegengesetzten Grund: Der Vater war gehalten, seine für ihn wirtschaftlich uninteressante Tochter „an den Mann zu bringen“ und musste dafür einen nicht unerheblichen Geldbetrag aussetzen. Wieder waren es wirtschaftliche Gründe, die ihn dazu zwangen, denn dem zukünftigen Ehemann sollte nicht zugemutet werden, für den Unterhalt zu sorgen. Das klappte allerdings nur, wenn die Braut Jungfrau war – oder wenigstens glaubhaft vorgeben konnte, dies zu sein.

Das Bürgertum macht aus dem Deal eine Moralfrage

Die Forderung, als „Jungfrau in die Ehe“ zu gehen, wurde in der Bevölkerung aber weiter „im Kopf“ geführt, nachdem das Bürgertum in den Grundfesten zerstört war und die „Mitgift“ in Geld durch die Inflation fragwürdig geworden war. Die damaligen CDU-Regierungen und der „harte Kern“ des Bürgertums beharrten auf die alten Regeln, und das „Mädchen aus gutem Hause“ hatte Jungfrau zu bleiben, bis sie heiratete (oder sich wenigstens verlobte).

Demaskierung des Jungfrauen-Mythos

Besser nicht zu "jungfräulich" bleiben - Leidenschaft schadet nicht
Als die Zeitschrift „TWEN“ 1962 die Frage stellte, ob Töchter als „Jungfrau in die Ehe“ gehen sollten und dies in Zweifel stelle, war die Empörung noch enorm – doch schon zehn Jahre später wurde das Thema kaum noch diskutiert. Das lag vor allem daran, dass die Töchter der bürgerlichen Eliten ihren Eltern nach 1970 sowohl kulturell wie auch wirtschaftlich entflohen. Wo es keinen Druck mehr gab, die „Jungfräulichkeit“ zu behalten, da ergab sich auch keine Moral. Auch Versuche, der konservativen „Jungfrauenbewegung“ (Purity) in den USA schlugen - bei aller stattlichen geförderten Publicity – komplett fehl. Slogans waren damals „True Love Waits“ auf deutsch „Wahre Liebe wartet“.

Wie die Presse das Thema „Jungfrauen“ wieder aufwärmt

In den letzten Jahrzehnten ist die Frage der „Jungfräulichkeit“ in der Presse künstlich aufbauscht worden, weil es angeblich immer mehr Frauen gibt, die mit 25 „noch Jungfrau“ sind. Das Thema stellt sich heute jedoch anders dar als vor 50 Jahren, denn heute haben „Jungfrauen“ vielleicht keinen Penis in der Vagina erlebt, aber sehr wahrscheinlich einen Finger oder einen Vibrator an der Klitoris. Wozu man sagen könnte: Irgendwie ist „Jungfrau“ auch nicht mehr das, was es mal war.

Mehr lesen?

Im zweiten Teil lest ihr, wie viele Männer eine Frau gehabt haben sollte, bevor sie „ihren Mann“ trifft, und warum die Zahlenspiele eigentlich blödsinnig sind. Im dritten Teil sehen wird die Sache mal aus der Sicht der „Jungs“. Ist doch komisch, dass sie eigentlich immer wissen, wie „es geht“ und trotzdem behaupten, sie wären nie im Bordell gewesen. Wir gehen auch der Frage nach, ob es wirklich so viele 25-jährige Jungmänner oder „physische“ Jungfrauen unter Männern gibt, wie gelegentlich behauptet wird.

Bild: Oben La Vie Parisienne, 1914.
Unten: Comic nach einer Filmsequenz