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Was kannst du vom “Picknick am Valentinstag” lernen?

Es gibt kaum eine Novelle, von der sich so viel lernen lässt wie vom „Picknick am Valentinstag“ (Picknick at Hanging Rock). Ob ihr sie nun kennt oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle. Aber die meisten Kritiker(innen) haben nicht erkannt, dass hier eine latent erotische Geschichte erzählt wird. Doch in England wusste man sofort: Diese Story erfüllt mindestens drei Vorstellungen:

1. Die Entwicklung der Fantasien gebildeter junger Mädchen im viktorianischen Zeitalter aufzuzeigen.
2. Mehrere verschachtelte, sinnlich und teils erotische Verbindungen der Frauen untereinander.
3. Der Mythos der Wiedergeburt und des Übergangs in eine andere Welt.


Es ist absolut erstaunlich, wie wenige Menschen die erotischen Aspekte des Films sahen, obgleich sie offenkundig waren.

Vincent Canby schrieb 1979 für die New York Times über den Film (1):

Schon die Eingangsszene spielt die die sexuelle Unschuld der Mädchen mit solcher Kraft in den Vordergrund, dass wir uns sofort darüber klar werden, welche sexuellen Sehnsüchte überall lauern. Die Internatsschülerinnen hegen sie für andere Internatsschülerinnen, die Mädchen für die Lehrerinnen, und die Lehrerin für eine(n) Unbekannte(n) … (die Mädchen) tauschen dabei „Valentins“ aus, die ewige Liebe versprechen.



Ob deutscher oder englischer Stil: alles sittsam bedeckt
Fragen wir uns, wie eine Schülerin der damaligen Zeit ihre Zukunft sah, so finden wir, dass auch die Schönsten, Sinnlichsten und Gebildetsten unter ihnen nicht viel mehr erwartete, als einen besseren Herrn zu heiraten. Das hieß, sein Haus zu führen, sich mit ihm zu zeigen, ihn bei Laune zu halten und mit ihm zu vögeln, um Nachkommen zu zeugen. Mehr war nicht vorgesehen, es sei denn, die Damen ergriffen den Lehrberuf, der nicht zu sonderlichem Ruhm führte.

Und also handelt die Geschichte von einer Flucht aus der Realität in die Fantasie, repräsentiert durch eine Wiedergeburt in einer anderen Welt, von der sich die jungen Frauen mehr erhofften.

Und sie handelt durchaus parallel von den Gelüsten der Schülerinnen aufeinander wie auch der Lehrerinnen auf die Schülerinnen und umgekehrt. Und dies alles so verklärt, dass die Zeitgenossen der Handlung (1900) und das Lesepublikum beim Erscheinen des Buches (1967) nicht vom Stühlchen fielen.

Es gibt noch mehr, was man daraus entnehmen kann:

1. Wie du eine reale Umgebung und den Anschein einer wahren Geschichte zu einem Mysterium verbinden kannst.
2. Wie du lesbische Lüste verhüllen kannst, gleich, wo sie auftreten und wie sie sich äußern.
3. Dass du eine Geschichte nicht unbedingt abschließen oder auflösen musst - du kannst die Auflösung deiner Leserin überlassen.

Was die Geschichte wirklich aussagt, ist dies: Es gibt einen Eintritt in eine andere Welt, die zunächst durch den Mut zum Ungewöhnlichen überwunden werden muss. Es ist ein Weg, den (auch heute) nicht sehr viele Menschen gehen. Und immer wieder: ja, in dieser Welt kannst du dein sexuelles Verlangen stillen, wie es dir gefällt.

(1) Aus dem Beiblatt zur CD (englische Version)

Für Autorinnen: Verführer allenthalben – und ihr Ruf ist mies

Dieser Artikel wendet sich an Autorinnen, die in Liebesromanen, erotischen Romanen oder auch Kriminalromanen sowie Novellen und Kurzgeschichten eine ungewöhnliche Verführung beschreiben wollen.

Das „Gewöhnliche“ – absolut fad

Die Frau ist jung, ein bisschen naiv und unsicher über ihre Gefühle, und vielleicht gar noch Jungfrau. Der Mann hingegen erfahren, ein klein wenig durchtrieben, zielsicher und erfolgsgewohnt, und er hat schon vielen Frauen die kleinen Freuden jener Gefühle beschert, die in den Lenden erspürt werden.

Das kommt euch irgendwie bekannt vor? Mir auch. Mal wird die naive süße Maid dann Prinzessin, neuerdings auch wohl Lustsklavin, und manchmal frisst sie der Wolf.

Der Ruf der Verführer, Prinzen, Jäger und ein paar andere Märchengestalten mal ausgenommen, ist dabei durchgehen mies. Wobei wir schon mal mitten drin sind: „Der“ Verführer, heißt: männlich, skrupellos. Arbeitet mit allen Tricks und ist – wie könnte es anders sein – leicht pervers.

Ach Gottchen, Agathe, die Puppe kotzt auf den Teppich. Und die Flecken gehen nicht mehr raus. Oder mit anderen Worten: Das Klischee der männlichen Spermaschleuder mit miesem Charakter wird am Leben erhalten, so gut es geht.

Alternativen für Autorinnen

Wäre es nicht an der Zeit, einmal etwas tiefer zu gehen, etwas weiter zu denken und etwas mehr Varianten in die Thematik zu bringen?

Eine der Möglichkeiten, die du als Autorin hast: Deine Figur sei weiblich, Jungfrau, etwas unbeholfen, unsicher aber auch neugierig. Dann musst du sie nur losschicken, um sie in Grenzsituationen zu bringen, in denen es möglich ist, lustvolle, sinnliche oder gar „harte“ sexuelle Erfahrungen zu machen. Basissituation: Sie bietet sich ein wenig an, aber zögert noch aus Angst vor der eigenen Courage.

Die zweite Variante ist so realistisch, dass mich wundert, warum sie nicht häufiger verwendet wird. Diesmal ist diene Figur erfahren, sinnlich, lustvoll und darauf aus, Abenteuer zu erleben. Du schickst sie nun an Orte, an denen es sehr wahrscheinlich ist, Männerbekanntschaft zu machen, und du gibst ihr die Direktive, in jedem Fall die verführbare Unschuld zu spielen. Kurz: Kehr die Rollen um: Die Verführte ist in Wahrheit die Verführerin, aber das weiß der Verführer nicht – der ist zunächst einmal stolz auf seinen Erfolg. Basissituation: Sie gibt vor, naiv und zurückhaltend zu sein und lässt ihn im Glauben, er verführe sie.

Na schön, das wäre der Anfang, nun könnte es noch etwas bunter werden.

Frauen verführen …

… Männer zu vielen Handlungen. Nicht nur im Bereich der konventionellen Sexualität, sondern auch auf Randgebieten, und auch weit über die Sexualität hinaus. Sie können dabei Freude, Schmerz, Leid und sogar Verderben auslösen. All dies ist noch nicht oft beschreiben worden.

Und? Hast Du Lust, es einmal zu versuchen?

Frauen Verführen …

… Frauen. Aus sexueller Lust, aus Machtgelüsten, um sie zu beeinflussen oder gar, um sie in der einen oder anderen Art zu beherrschen. Deine Verführerin muss nicht unbedingt „lesbisch“ sein, um dies zu tun. Sexuelle Lüste sind nicht zwangsläufig an die Grundausrichtung gebunden.

Frauen verführen …

… manchmal Männer dazu, sich gleichgeschlechtlich zu betätigen. Das passiert gelegentlich in sogenannten „Dreiern“. Ein Thema, das man kaum Anfängerinnen empfehlen würde, aber immerhin eine weitere Variante.

Und nun nochmal: Hast Du Lust, es einmal zu versuchen? Also wenn nicht jetzt ... wann dann?

Sexualität kann eindeutig sein, muss aber nicht

„Sexuelle Orientierung“ ist ein beliebtes Stichwort, wenn es darum geht, den Lebensstil eines Menschen zu beschreiben. Wir haben und daran gewöhnt, Begriffe wie „schwul“, „lesbisch“, homosexuell, bisexuell oder gar heterosexuell zu verwenden, um das zu tun, was wir so lieben: Schuhkartons, in die wir uns einordnen können.

Dazu gehören dreiste Behauptungen, wie die, man sie „entweder homosexuell oder heterosexuell“, und in Kreuzworträtseln finden man sogar den Begriff „Gegenteil von Homosexualität“ – und dann ist „Heterosexualität“ gefragt.

Nein – das alle ist Unsinn. Wir sind zumeist sexuell. Wir werden angezogen vom Erotischen, vom Schönen, vom Sinnlichen und vom Schwachen, vom Starken und vom Mächtigen. Die sogenannte „sexuelle Orientierung“ kann vorläufig, endgültig und gelegentlich auch häufig wandelbar sein. Und erotische Regungen müssen nicht zwangsläufig dazu führen, Menschen körperlich zu begegnen.

Dazu las ich dieser Tage (überwiegend an Frauen gerichtet, aber es mag für Männer ebenso gelten)

Die sexuelle Orientierung ist auf einem Kontinuum anzusiedeln, wobei eine exklusive Homosexualität bzw. exklusive Heterosexualität die jeweiligen Pole eines Kontinuums darstellen.


Was in der Praxis heißt: Sich sexuell zu orientieren (ach weit nach der Adoleszenz) heißt nicht, etwas zu sein oder nicht zu sein – das sind nur die Extreme. Es heißt vielmehr, sich auszurichten, eine generelle Linie zu finden und sich darüber hinaus an der Lust zu freuen, die wir von anderen bekommen und die wir anderen schenken möchten.

Wovon lebt eine lesbische Liebesgeschichte?

Wovon lebt eine lesbische Liebesgeschichte? Sie beginnt jedenfalls recht oft mit Furcht und Begierde in einer seltsamen Mischung. Und hier findet ihr auch einen Dialog, der dazu passt.

Bi-Erotik zwischen süßlicher Verführung, Zögerlichkeit und Konsequenz
„Lesbisch“, dies sei vorweggenommen, ist eigentlich keine korrekte Bezeigung für die Liebe, die Lust oder die Leidenschaft, die zwei Frauen miteinander verbindet.

Zunächst einmal handelt es sich dabei um eine Beziehung, die erotische oder sexuelle Wünsche beinhaltet. Keine der beiden Partnerinnen, die in deiner Geschichte zusammenkommen, müssen „wirklich lesbisch“ sein. Die Bandbreite schwankt zwischen Neugierde, Wollust, Abenteuer, Sinnlichkeit und Verführungskunst. Meistens – auch das ist wie „im richtigen Leben“ - gibt es eine Verführerin und eine Verführte, wobei sowohl die eine wie die andere ohne Vorsatz handeln kann.

Wie so oft, müssen drei Komponenten zusammenwirken:

Die latente Lust auf „frau“.
Ein gewisses Gefälle in lesbischer Erfahrung und Leidenschaft.
Eine Situation, in der es möglich ist, eventuelle Hemmungen abzulegen.

In älteren britischen Romanen ist es das Internat, in dem allerlei seltsame Beziehungen mit erotischer Aura entstehen. Je erotischer beziehungsweise pornografischer die Werke sind, umso mehr wie „Klartext“ gesprochen. Nehmen wir das „Picknick am Valentinstag“, so umweht uns der Hauch der Erotik unter den jungen Frauen, aber auch die Zuneigung der Erzieherinnen zu ihnen. Diese angedeuteten Liebesbeziehungen oder das nicht ausgelebte Lustverlangen wird in vielen Internats-Romanen weitaus mehr strapaziert, in England typischerweise in Verbindung mit spielerischen oder realen Körperstrafen.

Das Zögern spielt im lesbischen Roman eine große Rolle

Soweit „Zärtlichkiten“ betroffen sind, spielt das Zögern eine große Rolle. Die Heldin hat durchaus männliche Verehrer, zögert aber, sich ihnen hinzugeben. Auch der Verführerin weicht sie aus, solange es ihr möglich ist. Am Ende wird die Bi-neugierige oftmals in eine Honigfalle gelockt. Dabei sind die erfahrenen Verführerinnen oftmals nicht eben zimperlich.

Ein Plot und der entscheidende Dialog dazu

Die Szenerie könnte so sein: Ihre Figur nächtigt mehrere Male bei ihrer guten Freundin, und tatsächlich kommt es zum Austausch sanfter Zärtlichkeiten. Die Leidenschaft wird aber überdeckt von der Furcht, die Freundin hernach zu verlieren. Ein Versuch, darüber zu sprechen, scheitert ebenfalls aus Scham, aber auch aus Furcht davor, das Tor zur lesbischen Liebe auszustoßen.

Einige Tage später sitzt sie mit einer anderen Frau zusammen – sehr gesellschaftskonform. Doch die andere ist faszinierend, selbstbewusst und eine erfahrene Verführerin. Man trinkt, die Bedenken gegen die Person der anderen werden fortgespült, bis dieser Dialog beginnt (1):


„Magst du eigentlich Frauen?“
„Wie meinst du das?“
„Du weißt, wie ich es meine.“
„Ich bin nicht bi oder so – auf keinen Fall.“
„Das heißt, ich gefalle dir nicht?“
„Doch, doch, aber ich will nicht …“
„Nicht zwischen meine Schenkel - meinst du das?“
„Ich habe nie daran gedacht, so etwas …“
„Du lügst schlecht, Schätzchen.“
„Nein ich … ich will es einfach nicht.“
„.. wahrhaben …“
„Was meinst du damit?“
„Du willst nicht wahrhaben, dass du nach Lust riechst und deine Augen begierig über meinen Körper wandern, nicht wahr?“


Verlassen wir nun diese heftige Szene. Dort, wo wir sie gelesen haben, ist sie noch viel heftiger, absolut schamlos und mit intimen Schilderungen des Körpers der Verführerin wie auch der Verführten gespickt.

Die meisten Bi-Geschichten leben von unendlichem, aber unterdrücktem Verlangen und der Furcht, es auch tatsächlich an den Tag zu legen. Insofern kann die Heldin durchaus mehrere Stufen durchlaufen, von zärtlichen Näherungen, zufälligen Berührungen und zögerlichem Verhalten bis hin zur leidenschaftlichen Hingabe, in der nur noch die Sinneslust zählt.

In wessen Armen die Heldin am Ende landen wird – das legst nur du fest, die Autorin. Meist ist es nicht die Verführerin, sondern eine andere Frau – und dann und wann sicher auch - ein Mann.

(1) Der Dialog wurde von Isidora nach einem Beispiel der Literatur "verflacht". Der Original-Artikel erschien in "Sinnlich Schreiben vom Mai 2018, kurz bevor das Blog aufgegebnn wurde.