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Lust und Wissen – der Körper, die Funktionen, das Fühlen

Modell einer Klitoris
Fragt einen Mann, was eine Vagina ist – nun gut, dann wird er vielleicht noch wissen, dass dies eine Art Schlauch ist, in der sein Penis ab und an seinen Platz findet. Frag ihn dann, was eine Frau „in der Vagina“ empfindet, und du wirst einen Haufen Halbwissen oder Nichtwissen aus ihm heraussprudeln hören.

Nichtwissen überwiegt in der Sexualität

Nun fragt gerne mal eine Frau, was eine Prostata ist, wie sie funktioniert und was ein Mann in ihr (oder durch sie) fühlt. Viel Glück! Und wenn es euch Spaß macht, dann fragt mal alles aus dem Kuriositätenkabinett der Meinungen über Organe und Lüste für Frauen und Männer ab.

Na ja – wir sprechen ja nicht drüber. Und was uns die Schule vermittelt, ist viel zu theoretisch, oft (aus Rücksichtnahme auf Schüler und Lehrer) nicht ganz korrekt und zudem thematisch stark eingegrenzt.

Oh ja, wir könnten jetzt sagen: kompliziertes Thema. Aber ist es damit abgehakt? Auf keinen Fall.

Frauen entdecken erst jetzt, wie sie ihr Lüste beflügeln können

Dazu zitieren wir hier mal Kate Moyle. Sie ist eine bekannte Psychotherapeutin und Sexologin, und der "Guardian" (1) griff ihre Worte auf:

Die sexuelle Revolution mag ja vor mehr als 50 Jahren begonnen haben, (und dennoch haben wir) gerade erst damit begonnen, etwas zu verstehen, nämlich dass Sex nicht aus dem Funktionieren von Organen besteht, wenn wir Freude daran haben wollen. Frauen müssen lernen, wie sie ihre Empfindungen genießen können und wie sie ihr erotisches Verlangen erkunden können – zum Beispiel durch Hörbücher oder indem sie erotische Literatur lesen.


Die die Autorin sagt das, was heute als wichtigster Satz für Frauen (und Männer) über die Erforschung der eigenen Sexualität gelten mag:

Es geht aber nicht nur darum, realistischere Bilder zu haben (, sondern) … darum, den Unterschied zwischen realistisch und unrealistisch zu verstehen, weil darin die Kluft besteht.


Das Wissen über die wahre Lust kommt aus der Literatur

Die Möglichkeit, sexuelle Lüste aus den Beispielen der erotischen Literatur zu generieren, ist nicht ganz neu. Werner Field hat dem ein ganzes Buch gewidmet, indem er beweist, dass „Die Geschichte des sinnlichen Schreibens“ (2) darauf beruht, Frauen zu zeigen, wie sie ihre wahre Sinnlichkeit entdecken und ihre sexuelle Gefühlswelt intensiver genießen können. Etwa parallel dazu erschien Daniel Bergners (3) „Die versteckte Lust der Frauen“, die radikal mit dem Mythos aufräumt, Frauen hätten keine eigenen, drängenden sexuellen Lüste.

Inzwischen geht es in der öffentlichen Diskussion weitgehend darum, überhaupt eine Sprachebene für sexuelle Lüste zu finden.

Ein Penis ist kein Penis, ist kein Penis ...

Ein Penis ist nicht einfach ein Penis – er wird erst zu einem Instrument der Lust, wenn durch die Nervenbahnen Impulse vom Gehirn empfangen werden oder an das Gehirn gesendet. Und das gelingt durchaus unterschiedlich, je nachdem, ob und in welcher Weise er wo und wie stimuliert wird. (Und, ob er beschnitten wurde oder nicht).

Ödland Vagina: Wie ist das eigentlich, wenn ...

Noch komplizierter ist es bei der Vagina: Eigentlich müssten wir „Vulva“ sagen, denn in ihr befindet sich das Repertoire der Lust. Unter anderem (aber nicht ausschließlich) die berühmte Klitoris. Als man vor einigen Jahren Modell der Klitoris zeigte, waren viele Frauen überrascht, wie groß dieses Organ wirklich ist. Und bis vor einiger Zeit haben sogar Expertinnen behauptet, die Klitoris sende direkte Impulse an ein (wo auch immer befindliches) Orgasmuszentrum. Da haben sie ihre Rechnung ohne das Gehirn gemacht, das erst einmal sortiert, was denn nun an „Impulsen“ wo kommt, um die richtigen körpereigenen Mixturen zusammenzubrauen.

Die erotische Literatur bringt Wissen und Fühlen zusammen

Haben wir eine Sprachebene gefunden, so haben wir noch keine Gefühlsebene. Und nun kommt der Clou: Solange es darum geht, Lüste als Gefühle in Textform zu vermitteln, führ nach wie vor kein Weg an der erotischen Literatur vorbei. Denn du kannst in „einem Porno“, selbst in einem „frauenfreundlichen“ zwar sehen, wie eine andere Frau zuckt, während sei ihren Orgasmus hat oder „fakt“. Aber du erfährst niemals, wie es ihr dabei geht und was sie dabei gerade denkt oder auch nicht.

(1) in die Übersetzung wurden einige Füllwörter eingefügt, um den Text flüssiger lesen zu können).
(2) Field (Berlin 2014)
(3) Bergner, (New York, 2013)

Sex und etwas anderes

Ein Konflikt muss schon dabei sein ...
„In einer guten erotischen Szene dreht es sich immer um Sex und etwas anderes.“
Elisabeth Benedict

Nehmen wir an, du schreibst Romane, Novellen oder Kurzgeschichten. Worum geht da? Um Sex und noch etwas anders oder um etwas anderes und um Sex?

Ich kann soviel sagen:

„Definiere zuerst das Andere, dann wird dir klar, was aus der Geschichte werden kann.


Das „Andere“ ist meist Liebe, und schon kommen wir in einen Automatismus. Da ist die Liebe, die durch Sex aufgeweicht oder aber gestärkt werden könnte, und die damit auch zu einem retardierenden Moment beim Aufstieg in den siebten Himmel werden kann. Ich erinnere mich dann immer an das bekannte Cinderella-Konzept: erst unten, dann ein kurzer Aufstieg, dann ein Abfall, bevor der erneute Aufstieg gelingt. Die „Magie“ mit der im Märchen gearbeitet wird, entspricht das lustvolle Verlangen in der Realität. Doch das Konzept ist abgenutzt - überlegen wir also, welches "Gesicht" wir dem "Anderen" geben können.

Das Andere und der Sex - Widersacher oder Befeurer?

Das „Andere“ kann zum Beispiel die Unsicherheit sein, wie der weitere Lebensweg verlaufen soll: ein erfolgreicher Schulabschluss, eine abgeschlossene akademische Ausbildung, ein Job. Und nun schreit der Körper nach Befriedigung. Dafür benötigt deine Figur einen Partner oder eine Partnerin - und er oder sie könnte alles Erreichte infrage stellen.

Ebenso könnte das „Andere“ die Suche nach der Identität sein. Die Fragen an diene Figur sind: Wer bin ich, was will ich hier, wo liegen meine Stärken und Schwächen, und warum habe ich bei Männern/Frauen immer so merkwürdige Gefühle, als ob irgendetwas nicht stimmt?

Besonders gewagt, aber nicht uninteressant, ist die Frage an deine Figur: Warum setze ich mich Abenteuern, Gefahren und Herausforderungen aus, und wieso gehe ich dabei immer an die Grenze zu wirklichen Gefahren? Erwarte ich, in der Gefahr zu erliegen oder sie zu meistern? („Die Angst ist dein bester Freund“).

Die übrigen möglichen „zweiten“ Themen basieren zumeist auf Konflikten:

Sex und Ansehen.
Sex und Macht.
Sex und Religion.
Sex und Geld.
Sex und Gewalt.
Sex und Unterwerfung.
Sex und (geschlechtliche) Verwirrungen.


Einfache Plots - mit Happy End

Die Konzeption wird in vielen Fällen in die Plots einmünden, die allgemein bekannt sind – und diesmal schildere ich alles ohne „Plots“, aber bildhaft:

1. Der eingeschlagene Weg führt trotz (sozialer, innerer) Hürden letztlich zur Zufriedenheit.
2. Der Weg ist dornenreich, schmerzlich und verwirrend, führt aber dennoch zum Glück.
3. Der Weg wird immer wieder von dichtem Dschungel, fehlenden Brücken und physischen Gefahren unterbrochen, führt aber zu einer gestärkten Persönlichkeit, die ihr Glück in jedem Fall finden wird.

Selbstverständlich könnt ihr in allen Themen auch den „Abstieg“ unterbringen. Er ist jedoch unter Autorinnen äußert unbeliebt – und kommt auch bei Leserinnen nicht gut an. Es sei denn, du schilderst märchenähnlich den Weg zweier Freundinnen, von denen eine den Aufstieg schafft und die andere daran verzweifelt.

Wie ist das eigentlich mit den Dialogen?

Dies ist eine Kurzfassung eines Gedankenpakets. Es handelt von den Grundlagen üblicher Dialoge, von dem Tunnelblick der Autorinnen und Autoren und von der Möglichkeit, Dialoge ganz anders aufzufassen, als wir es gewohnt sind. Eine längere Fassung erscheint hier in den nächsten Tagen.

Literarisch – die Grundlagen

Im Deutschunterricht lernen wir die „wörtliche Rede“. Ein üblicher Lehrsatz dazu lautet: Die wörtliche Rede lockert als Stilmittel den Text auf.

In der Literatur sind Dialoge Zwiegespräche zwischen den Figuren, die der Autor schafft.

Diese Dialoge erzeugen Spannung und Aufmerksamkeit. Sie dienen zudem dazu, sich mit den Figuren zu identifizieren oder von ihnen abzugrenzen.

An der Sprache der Figuren soll deutlich werden, aus welchen Bevölkerungsschichten sie kommen, und wie sie „ticken“.

Ganz pragmatisch dienen Dialoge innerhalb des Textes als Blickfang – sie suggerieren, dass man sie auf keinen Fall überlesen darf.

Kritik an der reinen Lehre und an Schreibschulen

Die Kunst des Dialog-Schreibens wird mystifiziert – es wird behauptet, literarische Dialoge lägen außerhalb der Wirklichkeit, seien eine Kunstform sui generis und seien „so schwer zu erlernen wie eine Fremdsprache“.

Autorinnen und Autoren haben zumeist einen literarischen „Tunnelblick“ auf Dialoge. Sie wissen (meist) sehr gut, was sie mit ihren Dialogen erreichen wollen, haben aber selten eine Ahnung davon, dass Dialoge mehr sind als das geschriebene Wort.

Kommunikation und Dialoge

Der tiefere Sinn der Kommunikation entgeht den Autoren, Lesern und vor allem den Schreiblehrern, weil sie von den Kommunikationsstrukturen des 19. Jahrhunderts ausgehen. (1)

Kommunikation enthält Dialoge, Elemente des Verstehens und Nicht-Verstehens, Gedanken, die in den Dialogen nicht enthalten sind, sowie den großen Bereich nonverbalen Austausches von Informationen, namentlich von Gefühlen und Stimmungen. Um Kommunikation zu verstehen und dem Leser zu vermitteln, was dabei vor sich geht, muss man nicht nur mehr können als „Dialoge schreiben“. Man muss vor allem Einblick in das Denken und Fühlen der Menschen haben, die einander begegnen.

(1) Nicht berücksichtigt werden zum Beispiel die Erkenntnisse von Eric Berne, Paul Watzlawick, Carl Rogers, Ronald D. Laing und vielen anderen.