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Das Rotkäppchen-Plot

Das Rotkäppchen-Plot
Erster Teil – Zutaten zum erotischen Plot nach Grimm

Lüsterner Wolf, tugendhaftes Rotkäppchen - das sind die Grundlagen

Jeder Autor kennt das Cinderella-Prinzip als Entwurf für eine Liebesromanze - aber gibt es auch ein Rotkäppchen-Plot?

Nein, weil ihr nie darüber gelesen habt? Ganz falsch, denn nach diesem Muster werden zahllose Kriminalromane und Horrorgeschichten geschrieben. Der Entwurf (nach dem Märchen) ist einfach:

Naives Mädchen trifft vertrauensvoll sprechendes Tier, das in Wahrheit durchgängig böse ist. Am Ende wird das Mädchen aufgefressen und kann entweder nur durch Wiedergeburt (1) oder gar nicht mehr (2) zum Leben erweckt werden.


Dies Plot enthält unzweifelhaft die erotische Komponente der Vereinnahmung („gefressen werden“), und bei Charles Perrault , über den noch zu sprechen wäre, wird diese Komponente durch einer Art „Moral“ ergänzt:

Doch ach, ein jeder weiß, gerade sie, die zärtlich werben, gerade diese Wölfe locken ins Verderben.
'

Was haben wir, was brauchen wir für das Rotkäppchen-Plot?

„Was haben wir?“, fragen Kriminalisten ja neuerdings oft in den bekannten britischen Fernseh-Krimis. Also fragen wir uns mal: Was brauchen wir?

1. Eine naive junge Frau, die etwas neugierig ist.
2. Eine sinnliche Komponente, die über der Geschichte schwebt.
3. Einen „Wolf“, der Kreide gefressen hat, aber dennoch Böses im Schilde führt. Er ist schwerer zu charakterisieren als die naive junge Frau.
4. Einen Spannungsbogen, bei dem längere Zeit in Zweifel steht, wie die Geschichte ausgeht. (Damit gehen wir über das Märchen hinaus, das „einfach gestrickt“ ist).
5. Eine Konklusion, also eine Errettung, einen Niedergang oder gar den Sieg der Frau über das Böse.

Tatsächlich sind die drei Plots im traditionellen Rotkäppchen-Märchen (1,2,3) angelegt - eine Adaption aus dem Feminismus geht sogar noch weiter.

Das Plot der Grimms – überraschend sinnlich

Das Plot von Grimm übernimmt die sinnliche Komponente, die Perrault vorgegeben hat, schmückt sie aber weitaus sinnlicher aus. Ausrechnet bei den Grimms, die als „erotische Entschärfer“ der französischen Märchen gelten, wird die sinnliche Verführung durch den Wolf verfeinert:

Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die ringsumher stehen, warum guckst du dich nicht um? Ich glaube, du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen?


Gegen Ende kommt es zunächst zu der schrecklichen Erfahrung, dass der Wolf tatsächlich ausgesprochen gefährlich ist und Rotkäppchen vereinnahmt (frisst). Als Retter in letzter Minute lassen die Grimms dann einen Jäger auftauchen. Er macht die Vereinnahmung rückgängig.

Diese Vereinnahmung („gefressen werden“) beschreiben die Grimms sehr drastisch:

Kaum hatte der Wolf das gesagt, so tat er einen Satz aus dem Bette und verschlang das arme Rotkäppchen.


Das umgesetzte erotische Plot nach Grimm – mit Happy End

Hinweis: Dieser Artikel bezieht sich auf Plots, die für Erzählungen von Erwachsenen für Erwachsene erdacht wurden.
Sieht man dies alles symbolisch, so hat man das erotische Konzept gefunden. Die junge Frau erlebt zunächst den Rausch der Sinnlichkeit, um dann plötzlich mit der harten Realität der hinterhältigen Vereinnahmung konfrontiert zu werden. Sie kann auch nicht mehr fliehen, weil ihr Verführer „aus dem Bett springt“ und sie sogleich verschlingt. Umgesetzt heißt dies: er verführt sie mit unlauteren Mitteln und ohne wirkliche Übereinkunft. Obgleich sie körperlich vereinnahmt wurde, bewahrt sie ihre Tugend, indem sie eine Art „Wiedergeburt“ erlebt. Unverletzt, und rein bereut sie die zuvor gezeigte Handlungsweise und darf sich auf ein neues, glückliches und tugendhaftes Leben freuen.

Seid ihr interessiert am Thema? Wir haben mehr dazu … viel mehr. Und noch andere Plots ... wir sagen euch gerne, welche.

(1) Nach Grimm
(2) Nach Perrault
(3) Nach einem italienischen Volksmärchen, das als Ursprung gilt.