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BDSM ist nicht ganz das, was SIE denken

S/M - die sinnliche Art, lustvoll zu leiden
Viele – zu viele, wie ich meine – reden über BDSM – geradezu so, als stünde der Begriff so fest wie ein Kriegerdenkmal. Doch die Frage ist, ob man „organisierten Insidern“ die Definition überlassen sollte, was richtig, falsch, gut oder schädlich ist. Und letztlich muss man auch fragen, ob „BDSM“ wirklich ein stimmiger Begriff ist oder ein Sammelsurium von Meinungen, Ideologien, Praktiken und Lebensweisen. Ich will es für heute kurz machen, nicht alles hinterfragen, sondern vor allem differenzieren. Dann bekomme ich folgendes Bild:

Was ist BDSM wirklich?

Eine Bewegung, die besondere sexuelle Lüste aus der Schmuddelecke herausbrachte

Erstens eine Bewegung, die aus dem Untergrund an die Öffentlichkeit gegangen ist, um die besonderen Lustvarianten, die sie ausüben, deutlicher zu machen und sie dem „Geheimen“ zu entreißen. Diese Bewegung ist das Urgestein der Aufklärung über das, was sie selbst als „BDSM“ definiert haben.

Ein Netzwerk, das eine Subkultur darstellt

Zweitens ist sie eine Gruppierung von Menschen, die örtliche und überregionale Vereinigungen bilden, Bücher und Zeitschriften herausgeben und eine Art Subkultur bilden, die auch außerhalb wahrgenommen wird, zum Beispiel in der Mode. Ein Teil dieser Personen geht an die Öffentlichkeit und findet das, was sie tun, auch wirklich „chic“.

Eine neue Untergrund-Kultur?

Drittens ist es weiterhin eine Subkultur, die teils neu entstanden ist und auch neue Praktiken und Verfahrensweisen propagiert, wie „noncon“ und „Tunnelspiele“. Sie sind die umstrittenste Gruppe.

Ein Erwerbszweig im Bereich sexueller Dienstleistungen

Viertens ist es ein Erwerbszweig für sogenannte „Dominas“, die teils an der Subkultur hängen, teils aber auch ausschließlich aus finanziellen Erwägungen handeln. Ihre Kunden sind Kunden, und sie sind Dienstleister und kaum mehr.

Die besondere Lust einzelner Personen oder Paare

Fünftens ist es als „Sadomaso“ eine Lust von Paaren und Einzelpersonen, die sich in frivolen Rollenspielen engagieren, ohne zur Szene zu gehören oder sich damit verbunden zu fühlen.

Kritik an BDSM unerwünscht?

Interessant ist, dass Kritiker an BDSM stets damit rechnen müssen, von „der Szene“ angegriffen zu werden, auch wenn einige von ihnen religionsähnliche Ideologien oder gefährliche, menschenfeindliche Thesen vertreten.

Ideologen gegen Ideologen - ein dümmlicher Kampf

Bedauerlich dabei ist allerdings auch, dass die Kritiker(innen) oftmals selbst aus ideologischer (feministischer/religiöser/konservativer) Überzeugung gegen das Ausleben von als „BDSM“ bezeichneten Lüsten sind. Man wünscht sich dann mehr Offenheit, Liberalismus oder Toleranz gegenüber jenen, die wissen, was sie tun und dazu stehen.

Sehen wir einmal in ein sehr altes, recht humorvoll und pragmatisch geschriebenes Buch über S/M, dann lesen wir im Grunde nichts als Versöhnliches:

Sadomasochismus handelt vom Fabulieren über Sexualität, vom Abmischen von Fakten und und Fantasien, Dramen und Komödien, Traditionen und Innovationen. Das Verschlingen und Komplizieren von Gefühlen ist keine empfehlenswerte Praxis, wenn wir unseren Alltag ansehen. Aber gerade solche Praktiken geben uns die Möglichkeit, uns selbst zu entdecken und unsere Sexualität weiterzuentwickeln.


Es könnte Menschen geben, die schon immer einen Hang dazu hatten, sich neuen und herausfordernden Lüsten hinzugeben. Andererseits mag es solche geben, die erst durch andere „auf den Geschmack gekommen“ sind. Und es mag sein, dass in jeder Lust ein bisschen Sadismus und Masochismus wohnt. Das alles ist so normal, dass man gar nicht darüber erden müsste. Aber offenbar besteht ein Bedürfnis danach – und deshalb steht dieser Artikel hier.

Zitat von Miller/Devon, Fairfield 1995.

Wie redlich muss eine erotische Geschichte sein?

Die Lüste entstehen bei deiner Leserin im Kopf - musst du da realistisch bleiben?
Wenn sich eine Autorin aufmacht, um ihr erstes erotisches Werk zu schreiben, stellt sie sich nahezu immer diese Frage:

Muss ich wirklich alles erlebt haben, über das sich schreibe? Wie glaubwürdig bin ich, wenn ich all das niemals gewagt habe, oder gar, wenn ich eine andere sexuelle Orientierung habe als meine Figuren?

Früher gab es darüber niemals Diskussionen, weil sich Autorinnen hübsch versteckt haben, wenn sie Erotik schrieben. Aus gutem Grund: Leser glauben fast immer, dass die Autorin irgendeine der beschriebenen Erfahrungen wirklich selbst durchlebt hat. Und keine schreibende Frau will jemals als „Schlampe“ dastehen. Selbst Männer nutzen Pseudonyme, um auf gar keinen Fall mit ihren erotischen Geschichten identifiziert zu werden.

Das änderte sich allerdings, als die Öffentlichkeit über die „50 Shades of Grey“ zu diskutieren begann. Die „namhaften“ Stellen wurden von jenen sofort als „Unsinn“ oder „Verfälschungen“ erkannt, die in der BDSM-Szene das große Wort führen. Doch es hätte nicht dieses Einspruchs bedurft, um zu zeigen, wie simpel die Szenen zusammengekleistert sind, um bei einfach gestrickten und unerfahrenen Leserinnen Empörung oder Geilheit zu erzeugen.

Immerhin – seither können wir darüber diskutieren, wie wahrhaftig eine erotische Liebesgeschichte sein sollte.

Dabei gibt es – wie so oft – zwei kontroverse Auffassungen. Doch bevor ich ein Wort darüber verliere, will ich diesen entscheidenden und höchst beruhigenden Satz niederschreiben (1):

Nein, ihr müsst nicht das erlebt haben, was eure Figur erlebt.


Die Kontroverse – Realität Plus oder Fantasie Minus?

Möglich: In der Realität bleiben und sie nur ein wenig überhöhen

Die „reine Realität“ ist völlig ungeeignet, eine erotische Geschichte zu schreiben. Erotik ist lustvoll aufgeschönter Sex plus Romantik, und manchmal noch mehr, aber sicher keine Realität. Also versuchen die Autorinnen, denen es um „glaubwürdige Erotik“ geht, ein realistisches Geschehen so zu kolorieren, dass es als „pure Lust“ in den Köpfen ankommt. Die Leserin sagt sich dann: „Ja, so könnte es mir gegangen ein oder wenigstens einer Frau, die ich kenne.“ (Leser könnten Entsprechendes von männlichen Figuren denken). Diese Literatur wird von Frauen gelesen, die möglichst realitätsnah in die erotische Psyche der Figuren eintauchen wollen – immer mit dem Gedanken: „Ach, eigentlich hätte mir dies auch geschehen können.“ Das „eigentlich“ bedeutet hier zumeist: „Aber ich hätte nicht den Mut dazu gehabt.“ Oder „So intensive Gefühle hatte ich nicht, aber ich kann es mir vorstellen.“

Auch möglich: Die Realität verlassen, um die Fantasie anzuheizen

Die reine Fiktion hat einen anderen Ansatz: Sie wendet sich ausdrücklich an Frauen (manchmal auch an Männer), die sich vom erotischen Romanen in Situationen versetzen lassen wollen, die sie in der Realität niemals erlebt haben und voraussichtlich niemals erleben werden. Dennoch bauen auch diese Romane auf realistische Situationen auf. Doch dann ändert sich etwas: Die Figur wird über die Grenzen des Handelns, Denkens und Fühlens der Autorin wie der Leserin „hinweggehoben“. Sodann entwickelt sie ein erotisches Eigenleben, das man so beschreiben könnte: „Komm mit in das Wunderland der verbotenen Lüste … ich führe dich sicher dorthin.“ Nun hat jede Autorin, aber auch jede Leserin, eigene Grenzen. Deshalb fühlen sich manche Leser(innen) ausgesprochen „angeregt“ vom Weg der Figur, während andere die Schulter zucken und auf „härtere“ Szenerien warten. Und wieder anderen ist es sogar peinlich, was die Figur da tut, auch wenn sie wissen, dass alles nur Fantasie ist.

Beides geht. Und beides funktioniert auch ohne exakte, intime Erfahrungen mit den Handlungen. Sie müssen nur im Gedanken sinnlich nachvollziehbar sein – und oftmals wird eben auch gewünscht, dass die Fantasie die Geilheit beflügelt.

(1) Warum und wie beschreibe ich euch ausführlich.

Liebe, Sex und Realität für Autorinnen

Die Realität der Lust ist anders als alle Klischees
Wer über die Liebe schreiben will, wird sich zuerst darüber klar werden müssen, wie er es mit den Realitäten hält.

Nehmen wir an, es soll eine romantische Liebesgeschichte werden. Dann musst du die Klischees bedienen, die zu einer romantischen Liebesgeschichte gehören. Die Plots sind schnell ausgelutscht, der Hergang ist jeder Leserin längst bekannt und die beliebten Gefühlsklischees sind es auch – nur nicht in deiner Version.

Erotische Liebesgeschichten - Realität oder Klischee?

Falls es eine erotische Liebesgeschichte werden soll, fehlt dir zumeist der entscheidende Baustein: Die Klischees über „die Sinnlichkeit“, „die Erotik“ oder „den Sex“ sind nicht so populär. Und während du bei deiner Liebesgeschichte seitenlang die Muster und Formulierungen von anderen abkupfern kannst, weil es sowieso kaum Varianten der falschen Gefühlswelt gibt, ist dies bei einer erotischen Geschichte deutlich schwerer. Egal, ob du eine erotische Märchenwelt aufbauen willst oder die Realität

Wenn du dich zwischen „der Aneinanderreihung von Klischee“ und „realitätsnahem Schreiben“ entscheiden musst, dann ist am erfolgreichsten, die wenigen Erotik- und Sexklischees mit denen der romantischen Liebegeschichte zu vermischen. Besipiel: „Romantik + Entjungferung + Schläge auf den Po = Fifty Shades of Grey“. Diese Formel wurde bekanntlich zum Erfolg bei gelangweilten Mittelstands-Hausfrauen, die endlich mal etwas „wirklich Geiles“ lesen wollten. Das Buch schaffte den „Bad Sex Award“ allerdings nicht, weil es nicht zur „großen Literatur“ gehört.

Leider wird oft Pornografie als Vorbild verwendet

Sagen wir’s mal so: Die Mehrheit aller Sex-Romane orientiert sich an Pornografie, auch wenn dies nicht immer beabsichtigt wurde. Das heißt: Der Sex muss nicht glaubwürdig sein, und alle Begleiterscheinungen dürfen getrost ignoriert werden. Mal mit anderen Worten: Die weibliche Hauptfigur riecht und schmeckt frisch, hat eine weiche Haut ohne Makel, ist naturfeucht und strahlt beim Orgasmus über das ganze Gesicht. Die Frisur, das Make-up und sogar die Muschi sieht zuvor und hernach aus wie geleckt (Pardon, ich bemerke gerade, wie unpassend der Ausdruck ist) und entsprechend kommt auch alles zu Papier.

Die Realität: fürchte dich nicht, etwas zu erproben

Und die Realität? Sie ist völlig anders. Alles, was geschildert wird, müsste eigentlich überprüft werden: wie dieser und jener Körperteil aussieht, wenn es sich erst auf den Sex vorbereitet, ob es überhaupt möglich ist, in dieser Lage den Geschlechtsverkehr zu vollziehen, egal, wie du ihn nennst. Na schön, das wäre das Äußere. Wenn du realistisch schreiben willst: Steh auf und leg dich (oder setz dich oder knie dich) in die Lage, in der deine Figur sich gerade befindet. Mach dir klar, was als Nächstes in deinem Buch passieren wird und stell dir vor, dies würde jetzt und hier wirklich geschehen. Du wirst bald merken, was „stimmt“ und was nicht. Ich gehe hier nicht in Details, weil ich nicht möchte, dass es dir peinlich wird. Ich sage nur: Es hilft, sich genaue Vorstellungen zu machen. Nicht nur „formal“ – auch psychisch.

"Aua" schreien ist kein Gefühl an sich

Also wären wir bei der Psyche, beim „Inneren“. Gefühle lassen sich kaum dadurch schildern, dass deine Heldin „Aua“ schreit, wenn sie „Aua“ fühlt. Aber wir müssen nicht einmal in den Abgrund der Flagellationsszenen abtauchen. Wesentlich unglaubwürdiger ist oft der Umgang mit dem „Normalen“, und das zeigt sich an weiblichen Orgasmen. Ohne ins Detail gehen zu wollen: Das ist keine Gefühlswelt, in der das Gesicht rosig und weich bleibt, die Frisur hält und bestenfalls mal der Mund etwas offen steht. Im Gegenteil: die Gesichter sind nicht erwartungsfroh, sondern wirken, als ob sie mit schmerzvoller Lust die letzten Hürden vor der finalen Lust überwinden wollten. Sex ist etwas Animalisches, Feuchtes und Aufrüttelndes, und bei den ersten versuchen auch etwas sehr Verwirrendes.

Und nun wissen sie auch, warum Frauen in pornografischen Filmen immer so lustvoll und süß zum Orgasmus kommen: Sie faken ihn routiniert.

Die englische Erziehung als Realität und als erotische Fantasie

Englische Erziehung? Das ist mehr als nur die Schilderung von "typischen" Körperstrafen, die von schönen, schlagkräftigen Ladys auf die Hintern englischer Gentleman angewendet wurden. Aber was war sie eigentlich, die "englische Erziehung", und was ist es heute? Wir versuchen, die Antworten zu finden.

Die englische Erziehung als erotische Fantasie

die retro-mistress - ein männertraum
Mancher Herr wünscht sich, von einer Lady, einer Gouvernante oder auch von einer Bediensteten auf einen Prügelbock geschnallt zu werden, um sich auf ebenso köstliche wie befremdliche Wiese den Allerwertesten verbläuen zu lassen. Berichte darüber trieben schon der Großmutter und dem Großvater das Blut in die Adern – mal, um sich mit geröteten Wangen zu empören und mal, um die Genitalien beim Gedanken an diese Idee anschwellen zu lassen.

Zurück in die viktorianische Epoche

Wenn wir die Sache verfolgen wollen, führt uns der Weg ins viktorianische Zeitalter, und dort in die geheimen Boudoirs und Bordelle, in denen etwas praktiziert wurde, was weitläufig als „englische Erziehung“ verstanden wird. Zwar handelt es sich eher um ein weltweites als um ein englisches Phänomen, und es hat nichts mit Erziehung im pädagogischen Sinne zu tun, aber es ist nun einmal zu einem fest gefügten Begriff der deutschen Sprache geworden.

Die schöne Lady schlägt den willigen Gentleman gegen Bares

Nicht nur in England begehrt: Schläge von der Lady
Es gibt unendlich viele Theorien darüber, was Menschen bewegen mag, Schmerz und Lust zugleich oder jedenfalls innerhalb einer „Sitzung“ zu erleben. Tatsache ist aber, dass die Erziehung der Herren nahezu immer von besonders attraktiven britischen Ladys vorgenommen wird, und dass deren Verhalten selbst bei intensivem Schmerzempfinden noch als sinnlich erlebt wird.

Was ist denn nun die „englische Erziehung“? Sie finden den Begriff auch in unserem Lexikon für Anzeigenbegriffe erklärt, aber lassen Sie mich noch ein paar Worte darüber verlieren, die auch dort nicht stehen.

Nicht nur die Schmerzlust – auch sexuelle Lüste wurden befriedigt

Es scheint sicher zu sein, dass die Bestrafungen der Gentleman der viktorianischen Zeit durchaus im Rahmen einer prickelnde erotischen Atmosphäre vorgenommen wurden. Nicht nur die Tatsache, dass es sich um exklusive Bordelle handelte, in denen die Strafen vollzogen wurden, spricht dafür. Vielmehr wissen wir aus Schilderungen der verwendete Strafböcke, dass die Herren durchaus von hinten mit der Rute schmerzhaft bedient wurden, während sie sich von vorne den Künsten einer andren Dame ausliefern konnten, die sich auf intime und durchaus liebevolle Berührungen des Penis verstand. Welche Gefühle die Herren dabei wann und wie empfanden, ist nicht überliefert, und auch nicht, in welcher Reihenfolge die Damen den Hintern bläuten oder Fellatio ausübten. Jedenfalls war beides gleichzeitig möglich, wenn man bestimmte Flagellations-Möbel verwendete, wie beispielsweise das „Berkley Horse“.

Fantasie und Realität

Der betuchte englische Gentleman konnte sich nahezu jede Fantasie erdenken, und die meisten konnten auch erfüllt werden. Relativ gut verbürgt ist dieses Zitat:

Realität: Alles war möglich – gegen Geld

Schon im Anfange des 19. Jahrhunderts gab es in London luxuriös ausgestattete Etablissements, die vorzugsweise der Flagellation dienten und in denen geschickte, berufsmäßig ausgebildete Hände über den danach lüsternen Männern die Rute schwangen. Die "Königin" dieses Gewerbezweiges scheint aber nach allgemeinem sachkennerischen Urteil die unsterbliche Erfinderin des "Berkley Horse" zu sein ... die Maschine ... ließ sich in jedem beliebigen Winkel verstellen, um den Körper in jede speziell wünschenswerte Position zu bringen zu können. Auf einem zeitgenössischen Kupferstiche erblickt man einen auf dem "Pferde" befindlichen nackten Mann, dem Mr. Berkley eigenhändig die Posteriota mit Ruten peitscht, während ein in einem Stuhl darunter sitzendes Frauenzimmer als "frictrix" an seinem "embolon" arbeitend dargestellt ist.


Nach: Albert Eulenburg: Aktive und passive Flagellation (1902 - 1911) "Die englische Erziehung als Realität und als erotische Fantasie " vollständig lesen