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Erotische Plots – wie geht das eigentlich?

Einfache Plots taugen nichts für erotische Themen
Hier mache ich es mir mal einfach. Das simpelste Geschehen funktioniert nach der Methode: Von der (partiellen) Unschuld in eine vollendete sexuelle Erfüllung.

Nun werdet ihr sagen: Och, wie langweilig, so schreiben vielleicht Pubertierende ihre Sexgeschichten.

Damit habt ihr Recht – aber trotz alledem werden Sexgeschichten immer wieder so gestaltet. Die Ursache liegt im Hexenhut-Plot (Witch Hat Plot), der eigentlich nur für Schulaufsätze verwendet wird. Deshalb will ich euch hier drei bessere Plots vorstellen, die zwar nicht ungewöhnlich sind, aber dafür sehr sinnvolle und bewährte Ausgangsbasen für Anfänger(innen) beinhalten.

Aschenbrödel

Besser ist das sogenannte „Von Lumpen zu Reichtum“- Plot, auch Cinderella-Plot (nach dem Märchen Aschenbrödel) genannt. Die Person lebt in Armut und Verdruss, hofft auf Liebe und Ansehen, wird zunächst enttäuscht, lässt sich aber nicht entmutigen und gewinnt dann endgültig Liebe, Ansehen und Reichtum.

Umgesetzt auf die Erotik:

Deine Figur ist sexuell unbedarft, kommt dann aber vorerst zur Erfüllung, verliert sie wieder und gewinnt sie aufs Neue, diesmal endgültig.

Das geht auch umgekehrt: Deine naive Figur kommt zunächst nicht zur Erfüllung, fällt tief herunter in Trübsal und versucht es dennoch erneut, diesmal mit Erfolg.

Neu geboren (moralische Umwertung)

Ein anderes Plot, das sehr Erfolg versprechend ist, wird „Wiedergeburt“ („Rebirth“) genannt. Das bedeutet: Jemand wird durch ein besonderes Ereignis zu einer besseren (nun jedenfalls anderen) Person. So etwas findet zum Beispiel im Märchen „Der Froschkönig“ statt.

Umgesetzt auf die Erotik:

Deine Figur hat eine strenge Definition davon, was moralisch richtig ist, gerät aber plötzlich in eine besondere Situation, die ihr Leben und ihre Ansichten verändert.

Reise und Rückkehr

Das Plot basiert auf der Erfahrung „Reisen bildet“. Ihre Figur geht in ein fremdes, oft merkwürdiges Land, besteht dort etliche Herausforderungen und kommt als erfahrener Mensch mit einer gereiften Persönlichkeit zurück. Im Jugendbuch zum Beispiel in „Alice hinter den Spiegeln“.

Umgesetzt auf die Erotik:

Dies Plot eignet sich vorzüglich für längere erotische Geschichten und Romane. Deine Figur, die sexuell noch naiv ist, begibt sich auf eine Reise, die entweder dazu dient, erotische Erfahrungen zu sammeln oder in der sie zufällig eine Reihe erotischer Entdeckungen macht. Dazu gehören auch solche, die sehr ungewöhnlich sind.

Grundsätzlicher Tipp: Hemmungen einbauen

Grundsätzlich gewinnen erotische Geschichten, wenn die Handlung weder absehbar ist noch linear abläuft. Dazu gehören beispielsweise Elemente wie die Furcht vor dem Ereignis selber, dem Ablauf der sexuellen Handlung oder der Zeit danach. Da soll etwas konkretisiert werden.

1. Zuvor: Sabine wird von ihrer Freundin Hella eingeladen. Sie ist fasziniert von Hellas freizügiger Auffassung von Sexualität, fürchtet aber, dass diese Faszination in lesbische Aktivitäten umschlagen könnte.
2. Währenddessen: Fred besucht die schöne und geheimnisvolle Dolores, die ihm eine ungewöhnliche Liebeserfahrung versprochen hat. Er wird gleich nach seinem Eintreten aufgefordert, sich komplett zu entkleiden. Er wartet und wartet, doch niemand tritt ein, und sämtliche Türen sind verschlossen.
3. Danach: Karin hat die wundervolle Bi-Erfahrung mit Vanessa in eine neue Dimension der Gefühle versetzt. Sie schämt sich hernach und ist durch und durch unsicher, wie sie ihre sexuelle Ausrichtung nun definiert.
Klar, das kling alles sehr theoretisch, aber es ist ja nur ein winziger Einblick in die Grundlagen.

Unser Rat für die ersten Versuche

Erstens: Versuche, mit zwei bis drei Plots auszukommen. Die oben genannten Plots sind hervorragend geeignet, um fantastische Geschichten zu schreiben.

Zweitens: Verarbeite Bedenken, Ängste und innere Widerstände, um deiner Geschichte Spannung und Würze zu verleiten. Selbst in den wildesten und fantastischen Orgien gibt es dann und wann moralische Bedenken, die Furcht vor späteren Bloßstellungen oder die Angst davor, in einem Zug mitzureisen, der ins Verderben führt.

Hat euch dieser Artikel geholfen? Wenn ja, sagt es anderen. Wenn nicht, sagt es uns.

Warum darf erotische Literatur nicht neurotisch sein?

Erotische Fantasien kommen oft maskiert daher
Die erotische Literatur meidet den Anschein, ihre Figuren, allen voran ihre Heldinnen, seien neurotisch. Vergleicht man dies mit einem anderen Genre, dem Kriminalroman, so findet man heute Heldinnen und Helden, die hochgradig neurotisch sind: Kommissare wie Kommissarinnen, Detektive wie Detektivinnen. Ihre Neurosen gehen in ihre Arbeit ein, helfen ihnen und behindern sie, machen sie traurig und depressiv, erzeugen Zornesausbrüche und Tränen.

Wir fragen hier nicht, ob dies der Realität entspricht. Aber es ist ein versöhnlicher Ansatz, wenn der Kommissar oder die Kommissarin sich an ihre unklaren und peinlichen Momente des Lebens erinnert. An ihre „unbewältigte Vergangenheit“, wie man oberflächlich sagt, so, als könne man die Vergangenheit von der Persönlichkeit entkoppeln. Autoren von Kriminalromanen spielen mit den Neurosen: Ist der Kommissar jetzt noch „bei Trost“ oder ist er schon „Meschugge“? Oder, wie im Kriminalroman-Jargon oft zu lesen ist: „Halten Sie ihn/sie noch für dienstfähig?“

Die Leselust an den Neurosen

Was wäre, wenn die Figur in einem Roman von einem erotischen Wahn getrieben durch sein/ihr Leben navigierte? Was wäre, wenn sie mit Lust und Begeisterung ihre Abweichungen und Untiefen auslebte? Oder wenn sie im Alltag plötzlich und unvermittelt Wachträume und Fantasien aus der Erinnerung heraus produzieren würde? Nun könnte man behaupten, es gäbe wahrlich schon genug - meist fragwürdige – erotische Literatur über sexuelle Abweichungen. Aber das ist gar nicht gemeint. So wie beim Kommissar oder der Kommissarin, sollte etwas anderes im Mittelpunkt stehen: der Fall, der Beruf, das soziale Leben, das Dasein schlechthin.

Machen wir uns nichts vor … die Furcht, dass tief in der Psyche Kräfte wirken, die uns auf sinnliche Abwege führen könnten, steckt in vielen Menschen. Und die Wirkung der süßen und schmerzlichen kleinen Neurosen, die dann und wann hervortreten, ist den meisten Menschen durchaus bewusst.

Wir müssen sie nicht verdrängen – schon gar nicht, wenn wir Literatur schreiben, die von Erotik behaucht ist.
Bild: Illustration von 1904 von Henri Caruchet, Teilansicht.