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Bedeutet Sex eigentlich wirklich so viel?

Klischee: So wollen Männer erregt werden - doch was wollen Frauen?
Manchem bedeutet Sinnlichkeit viel, mancher fühlt sich eher von erotischer Spannung angezogen. Und schließlich, irgendwann, taucht die Frage auf: „Wie viel bedeutet dir eigentlich Sex? Was tust du dafür, ihn zu bekommen? Und wenn du ihn regelmäßig genießen kannst, warum willst du immer noch eine Steigerung?“

Ja, bedeutet uns Sex wirklich sie viel? Oder wird Sex heute enorm überbewertet, wie viele meinen?

„Sex ist Genuss“ – wann kamen die Ideen auf?

Die meisten Autoren behaupten etwas voreilig, Sex als Genuss sei bis vor einigen Jahrzehnten ohnehin ein „reines Männerding“ gewesen. Daher sei der Genuss auch eng mit dem Kommerz verbunden gewesen, und die Männer hätten Sex eher konsumiert als genossen – nein, sie seine eben keine Gourmets gewesen, sondern Vielfraße. Daran ist alles richtig, was an Binsenweisheiten wahr ist, und alles falsch, wenn wir in den Ritzen der Geschichte graben: Frauen könnten sich damals gesellschaftlich nicht „leisten“, Lüste zu entwickeln und dies öffentlich zu zeigen.

Lust und Lustgenuss für Frauen - etwas ziemlich Neues

Sehen wir uns die letzten 100 Jahre mal im Schnellgang an, so gab es zahlreiche Ereignisse, die Änderungen brachten. Die „bewegte Jugend“ begann, die Lust lockerer zu sehen, und ohnehin hatten die Damen ihre knöchellangen Kleider samt Korsetts im Kaiserreich zurückgelassen. Dann kam die erste, zweite oder gar dritte Welle der Frauenemanzipation, die nach und nach auch dazu führte, Frauen ein eigenes Sexualleben zu „gestatten“. Dann kamen die „Sexwellen“, zuerst in der Literatur, dann in der Realität. Und schließlich stiegen mit wachsendem Wohlstand auch die Möglichkeiten, sich exklusiven sexuellen Vergnügungen hinzugeben.

Die 1950er - Vögeln für das Proletariat - Sexgenuss für die Reichen

Man kann es so sagen: Ausgehend von den 1950er Jahren in Deutschland war Sex eine Sache des Proletariats einerseits und der „Neureichen“ anderseits, die für exquisite sexuelle Vergnügungen (und das Schweigen darüber) viel Geld ausgaben. Piekfein gekleidete Jünglinge besuchten lüsternde Damen und wohlhabend Ehepaare, und Damen, die „an jedem Hotelportier vorbeikamen“, etwas patzig „Edelhuren“ genannt, beherrschten die Szene der bezahlten Lust für eine Nacht. Der einfache Arbeiter führte derweil den Spruch „des kleinen Mannes Sonnenschein – vögeln und besoffen sein“, auf den Lippen.

Schweigen und verbergen in bürgerlichen Mietwohnungen

Für die „Normalos“ in ihren frisch bezogenen Mietwohnungen mit Bad war dergleichen undenkbar, ja, empörend. Sex gehörte in die Ehe, aber da entdeckte bald jede und jeder: „So richtig doll ist das nun auch wieder nicht.“ Man begann, über Liebesstellungen und Orgasmushäufigkeit zu diskutieren … nur bitte nicht, wenn andere zuhörten. Ein Wort wie „Masturbation“ gab es im offiziellen Sprachgebrauch nicht – und die Tatsache selbst ließ sich nicht verleugnen, was allen äußert peinlich war.

Heute - alles ist möglich, aber nicht jeder will immer alles

Heute denken Singles wie auch Paare anders: Sie fragen sich häufiger, wie man sich selbst oder einander Lust verschaffen kann, oder wie sich die ursprüngliche Liebesglut wieder anfachen lässt.

Nur wenige Paare oder Einzelpersonen denken ständig an Sex - oder tragen ihr eigenes Sexleben sogar an die Öffentlichkeit. Zumeist (und für viele überraschenderweise) sind es Frauen, die sich mit der Veröffentlichung hervortun.

Licht- und Schattenseiten öffentlicher Sex-Bekenntnisse

Dies hat Licht- und Schattenseiten. Die eher hellen Seiten: Andere erkennen, dass es möglich ist, ein exponiertes Sexualleben zu haben, das von der Norm abweicht. Sie fühlen sich also nicht allein mit ihren Sehnsüchten, Träumen, Wünschen und heimlichen „Perversionen“. Inzwischen liegen zum Thema „geheime Sehnsüchte“ ja auch schon Forschungen vor, was die Sache auch leichter macht.

Die Schattenseiten: Was am Anfang und anonym eine Offenbarung sein kann, wird nach und nach (zum Beispiel bei persönlichen Krisen oder Krankheiten) zum Bumerang. Und natürlich auch dann, wenn der Name „enthüllt“ und die Person damit bloßgestellt wird.

Fragen wir uns, was der Sex bedeutet, dann sollten wir so antworten: Alles zu wissen, schadet nie, etwas zu erproben, kann schaden oder nützen, es gehört zu den normalen Lebensrisiken. Aber etwas (oder jemandem) mit Haut und Haar zu verfallen, ohne auf das eigene Wohlergehen zu achten, ist zumindest bedenklich.

Autorinnen und Autoren werden oft bezichtigt, das zu leben, was sie schreiben

Ein Nachsatz für Autorinnen und Autoren: Wenn ihr unter eigenem Namen schreibt, glaubt mindestens ein Drittel euerer Leserschaft, ihr schreibt „aus eigener Erfahrung.“ Das muss man erst einmal aushalten können.