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Liebe, Sex und Realität für Autorinnen

Die Realität der Lust ist anders als alle Klischees
Wer über die Liebe schreiben will, wird sich zuerst darüber klar werden müssen, wie er es mit den Realitäten hält.

Nehmen wir an, es soll eine romantische Liebesgeschichte werden. Dann musst du die Klischees bedienen, die zu einer romantischen Liebesgeschichte gehören. Die Plots sind schnell ausgelutscht, der Hergang ist jeder Leserin längst bekannt und die beliebten Gefühlsklischees sind es auch – nur nicht in deiner Version.

Erotische Liebesgeschichten - Realität oder Klischee?

Falls es eine erotische Liebesgeschichte werden soll, fehlt dir zumeist der entscheidende Baustein: Die Klischees über „die Sinnlichkeit“, „die Erotik“ oder „den Sex“ sind nicht so populär. Und während du bei deiner Liebesgeschichte seitenlang die Muster und Formulierungen von anderen abkupfern kannst, weil es sowieso kaum Varianten der falschen Gefühlswelt gibt, ist dies bei einer erotischen Geschichte deutlich schwerer. Egal, ob du eine erotische Märchenwelt aufbauen willst oder die Realität

Wenn du dich zwischen „der Aneinanderreihung von Klischee“ und „realitätsnahem Schreiben“ entscheiden musst, dann ist am erfolgreichsten, die wenigen Erotik- und Sexklischees mit denen der romantischen Liebegeschichte zu vermischen. Besipiel: „Romantik + Entjungferung + Schläge auf den Po = Fifty Shades of Grey“. Diese Formel wurde bekanntlich zum Erfolg bei gelangweilten Mittelstands-Hausfrauen, die endlich mal etwas „wirklich Geiles“ lesen wollten. Das Buch schaffte den „Bad Sex Award“ allerdings nicht, weil es nicht zur „großen Literatur“ gehört.

Leider wird oft Pornografie als Vorbild verwendet

Sagen wir’s mal so: Die Mehrheit aller Sex-Romane orientiert sich an Pornografie, auch wenn dies nicht immer beabsichtigt wurde. Das heißt: Der Sex muss nicht glaubwürdig sein, und alle Begleiterscheinungen dürfen getrost ignoriert werden. Mal mit anderen Worten: Die weibliche Hauptfigur riecht und schmeckt frisch, hat eine weiche Haut ohne Makel, ist naturfeucht und strahlt beim Orgasmus über das ganze Gesicht. Die Frisur, das Make-up und sogar die Muschi sieht zuvor und hernach aus wie geleckt (Pardon, ich bemerke gerade, wie unpassend der Ausdruck ist) und entsprechend kommt auch alles zu Papier.

Die Realität: fürchte dich nicht, etwas zu erproben

Und die Realität? Sie ist völlig anders. Alles, was geschildert wird, müsste eigentlich überprüft werden: wie dieser und jener Körperteil aussieht, wenn es sich erst auf den Sex vorbereitet, ob es überhaupt möglich ist, in dieser Lage den Geschlechtsverkehr zu vollziehen, egal, wie du ihn nennst. Na schön, das wäre das Äußere. Wenn du realistisch schreiben willst: Steh auf und leg dich (oder setz dich oder knie dich) in die Lage, in der deine Figur sich gerade befindet. Mach dir klar, was als Nächstes in deinem Buch passieren wird und stell dir vor, dies würde jetzt und hier wirklich geschehen. Du wirst bald merken, was „stimmt“ und was nicht. Ich gehe hier nicht in Details, weil ich nicht möchte, dass es dir peinlich wird. Ich sage nur: Es hilft, sich genaue Vorstellungen zu machen. Nicht nur „formal“ – auch psychisch.

"Aua" schreien ist kein Gefühl an sich

Also wären wir bei der Psyche, beim „Inneren“. Gefühle lassen sich kaum dadurch schildern, dass deine Heldin „Aua“ schreit, wenn sie „Aua“ fühlt. Aber wir müssen nicht einmal in den Abgrund der Flagellationsszenen abtauchen. Wesentlich unglaubwürdiger ist oft der Umgang mit dem „Normalen“, und das zeigt sich an weiblichen Orgasmen. Ohne ins Detail gehen zu wollen: Das ist keine Gefühlswelt, in der das Gesicht rosig und weich bleibt, die Frisur hält und bestenfalls mal der Mund etwas offen steht. Im Gegenteil: die Gesichter sind nicht erwartungsfroh, sondern wirken, als ob sie mit schmerzvoller Lust die letzten Hürden vor der finalen Lust überwinden wollten. Sex ist etwas Animalisches, Feuchtes und Aufrüttelndes, und bei den ersten versuchen auch etwas sehr Verwirrendes.

Und nun wissen sie auch, warum Frauen in pornografischen Filmen immer so lustvoll und süß zum Orgasmus kommen: Sie faken ihn routiniert.

Erotische Plots – wie geht das eigentlich?

Einfache Plots taugen nichts für erotische Themen
Hier mache ich es mir mal einfach. Das simpelste Geschehen funktioniert nach der Methode: Von der (partiellen) Unschuld in eine vollendete sexuelle Erfüllung.

Nun werdet ihr sagen: Och, wie langweilig, so schreiben vielleicht Pubertierende ihre Sexgeschichten.

Damit habt ihr Recht – aber trotz alledem werden Sexgeschichten immer wieder so gestaltet. Die Ursache liegt im Hexenhut-Plot (Witch Hat Plot), der eigentlich nur für Schulaufsätze verwendet wird. Deshalb will ich euch hier drei bessere Plots vorstellen, die zwar nicht ungewöhnlich sind, aber dafür sehr sinnvolle und bewährte Ausgangsbasen für Anfänger(innen) beinhalten.

Aschenbrödel

Besser ist das sogenannte „Von Lumpen zu Reichtum“- Plot, auch Cinderella-Plot (nach dem Märchen Aschenbrödel) genannt. Die Person lebt in Armut und Verdruss, hofft auf Liebe und Ansehen, wird zunächst enttäuscht, lässt sich aber nicht entmutigen und gewinnt dann endgültig Liebe, Ansehen und Reichtum.

Umgesetzt auf die Erotik:

Deine Figur ist sexuell unbedarft, kommt dann aber vorerst zur Erfüllung, verliert sie wieder und gewinnt sie aufs Neue, diesmal endgültig.

Das geht auch umgekehrt: Deine naive Figur kommt zunächst nicht zur Erfüllung, fällt tief herunter in Trübsal und versucht es dennoch erneut, diesmal mit Erfolg.

Neu geboren (moralische Umwertung)

Ein anderes Plot, das sehr Erfolg versprechend ist, wird „Wiedergeburt“ („Rebirth“) genannt. Das bedeutet: Jemand wird durch ein besonderes Ereignis zu einer besseren (nun jedenfalls anderen) Person. So etwas findet zum Beispiel im Märchen „Der Froschkönig“ statt.

Umgesetzt auf die Erotik:

Deine Figur hat eine strenge Definition davon, was moralisch richtig ist, gerät aber plötzlich in eine besondere Situation, die ihr Leben und ihre Ansichten verändert.

Reise und Rückkehr

Das Plot basiert auf der Erfahrung „Reisen bildet“. Ihre Figur geht in ein fremdes, oft merkwürdiges Land, besteht dort etliche Herausforderungen und kommt als erfahrener Mensch mit einer gereiften Persönlichkeit zurück. Im Jugendbuch zum Beispiel in „Alice hinter den Spiegeln“.

Umgesetzt auf die Erotik:

Dies Plot eignet sich vorzüglich für längere erotische Geschichten und Romane. Deine Figur, die sexuell noch naiv ist, begibt sich auf eine Reise, die entweder dazu dient, erotische Erfahrungen zu sammeln oder in der sie zufällig eine Reihe erotischer Entdeckungen macht. Dazu gehören auch solche, die sehr ungewöhnlich sind.

Grundsätzlicher Tipp: Hemmungen einbauen

Grundsätzlich gewinnen erotische Geschichten, wenn die Handlung weder absehbar ist noch linear abläuft. Dazu gehören beispielsweise Elemente wie die Furcht vor dem Ereignis selber, dem Ablauf der sexuellen Handlung oder der Zeit danach. Da soll etwas konkretisiert werden.

1. Zuvor: Sabine wird von ihrer Freundin Hella eingeladen. Sie ist fasziniert von Hellas freizügiger Auffassung von Sexualität, fürchtet aber, dass diese Faszination in lesbische Aktivitäten umschlagen könnte.
2. Währenddessen: Fred besucht die schöne und geheimnisvolle Dolores, die ihm eine ungewöhnliche Liebeserfahrung versprochen hat. Er wird gleich nach seinem Eintreten aufgefordert, sich komplett zu entkleiden. Er wartet und wartet, doch niemand tritt ein, und sämtliche Türen sind verschlossen.
3. Danach: Karin hat die wundervolle Bi-Erfahrung mit Vanessa in eine neue Dimension der Gefühle versetzt. Sie schämt sich hernach und ist durch und durch unsicher, wie sie ihre sexuelle Ausrichtung nun definiert.
Klar, das kling alles sehr theoretisch, aber es ist ja nur ein winziger Einblick in die Grundlagen.

Unser Rat für die ersten Versuche

Erstens: Versuche, mit zwei bis drei Plots auszukommen. Die oben genannten Plots sind hervorragend geeignet, um fantastische Geschichten zu schreiben.

Zweitens: Verarbeite Bedenken, Ängste und innere Widerstände, um deiner Geschichte Spannung und Würze zu verleiten. Selbst in den wildesten und fantastischen Orgien gibt es dann und wann moralische Bedenken, die Furcht vor späteren Bloßstellungen oder die Angst davor, in einem Zug mitzureisen, der ins Verderben führt.

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